Ausgewählte Urteile

Urteil des Tages

Ohne Gutachten: Führerschein ade!

2,62 Promille: Fahrerlaubnisbehörde darf vom Autofahrer ein medizinisch-psychologisches Gutachten verlangen

Spaziergängern fiel am 1. Mai 2016 auf, dass ein Autofahrer reglos in seinem geparkten Wagen saß. Weil er auf Ansprache nicht reagierte, verständigten sie die Polizei. Die Beamten kontrollierten den Alkoholpegel des Mannes — sein Atemalkoholwert lag bei 2,62 Promille. Im Auto fanden die Polizisten eine vollständig geleerte und eine volle Flasche Schnaps. Daraufhin knöpften sie dem Autofahrer Führerschein und Fahrzeugschlüssel ab.

Dagegen protestierte er: Als Berufspendler müsse er doch morgen wieder mit dem Auto zur Arbeit fahren. Auf den Hinweis der Beamten, dass er bei diesem Alkoholpegel auch am nächsten Tag noch nicht fahrtüchtig sei, reagierte der Mann mit Unverständnis.

Die Fahrerlaubnisbehörde des zuständigen Landkreises ordnete ein medizinisch-psychologisches Gutachten an: Nur wenn ein Sachverständiger seine Fahreignung bestätige, bekomme der Autofahrer den Führerschein zurück.

Da der Mann kein Gutachten vorlegte, entzog ihm die Behörde die Fahrerlaubnis. Dieses Vorgehen fand der Autofahrer unangebracht: Nicht geeichte Vortestgeräte lieferten keine zuverlässigen Ergebnisse. Auf Basis einer so fragwürdigen Messung sei er nicht verpflichtet, seine Fahreignung untersuchen zu lassen.

Dem widersprach das Verwaltungsgericht Trier (1 K 10622/17.TR). Zu Recht habe ihm die Behörde den Führerschein abgenommen.

Die Messergebnisse so genannter Vortestgeräte seien vielleicht nicht 100-prozentig zuverlässig, stellten aber (mit Sicherheitsabschlag) zumindest ein Indiz für Alkoholmissbrauch dar. Außerdem werde Autofahrern auf dieser Basis ja nicht gleich die Fahrerlaubnis entzogen: Das Messergebnis sei vielmehr Anlass zu weiteren Ermittlungsmaßnahmen. Wenn bei einem Autofahrer begründeter Verdacht auf Alkoholmissbrauch bestehe, rechtfertige dies allemal die Forderung nach einem Gutachten zur Fahreignung.

Der bei der Kontrolle festgestellte Atemalkoholwert von 2,62 Promille deute darauf hin, dass der Autofahrer gewohnheitsmäßig viel Alkohol konsumiere. Zudem könne oder wolle er Alkoholgenuss und Autofahren nicht voneinander trennen. Das sei schon daran zu erkennen, dass ihn der Hinweis der Polizisten auf Fahruntüchtigkeit am Folgetag nicht im Geringsten beeindruckt habe. Daher sei absehbar, dass er als Berufspendler früher oder später in den (für ihn kaum lösbaren) Konflikt geraten werde, entweder nicht zur Arbeit zu fahren oder sich "in fahruntüchtigem Zustand" ans Steuer zu setzen.

Oldtimer

Unerwünschte Postwurfsendungen

Briefträger müssen den Aufkleber "Keine Werbung" am Briefkasten beachten

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kann sich der Bürger gegen unerwünschte Wurfsendungen zur Wehr setzen. Die Post war der Auffassung, das gelte nicht für sie - wegen des besonderen Rechtsverhältnisses, das die Kunden zu ihr hätten. Das Oberlandesgericht Frankfurt belehrte das privatisierte Postunternehmen jedoch eines Besseren (1 U 80/94).

In den von der Post verwendeten Allgemeinen Geschäftsbedingungen stehe: Aufkleber mit dem Text "Keine Werbung" bedeuteten, dass der Adressat sich weigere, Postwurfsendungen ohne Anschrift anzunehmen. Bürger könnten verlangen, dass diese Botschaft beachtet werde. Es handle sich auch keineswegs um eine nur geringfügige Beeinträchtigung, die die Bürger hinnehmen müssten.

Die Entschuldigung des Postunternehmens - spielende Kinder nähmen manchmal Postwurfsendungen aus anderen Briefkästen und werfen sie bei den Kunden ein, die sich dies ausdrücklich verbeten hätten - sei eine Ausrede und nicht ernstzunehmen.

Recht kurios

"Nacktfotos" im MRT?

Patientin zieht beim Anblick der Aufnahmen ihr Einverständnis mit der Magnetresonanztomographie zurück

Die Frau war wegen ihrer Rückenbeschwerden in Behandlung. Für eine gründliche Diagnose sei eine Magnetresonanztomographie von der Lendenwirbelsäule nötig, befand die Ärztin. Damit war die Patientin einverstanden. Doch als sie die Aufnahmen zu Gesicht bekam, war sie empört: Die Bilder zeigten ihren Oberkörper unbekleidet und ließen den Intimbereich erkennen, beanstandete die Frau: Es handle sich um "Nacktfotos".

Sie forderte, die rechtswidrigen Aufnahmen dürften nicht verwendet und vervielfältigt werden. Doch ihre Ärztin weigerte sich, die Bilder "einzustampfen". Die Patientin habe ausdrücklich der Untersuchung zugestimmt. Ihr hätte klar sein müssen, dass die Bilder ihren Körper zeigten, obwohl sie während des Aufnahmevorgangs bekleidet sei. Das Kammergericht in Berlin wies die Unterlassungsklage der Patientin ab (20 U 41/16).

Die Aufnahmen berührten zwar das Persönlichkeitsrecht der Frau: Zum einen enthielten sie Informationen zum Gesundheitszustand der Patientin, zum anderen bildeten sie den Intimbereich ab. Das betreffe das Recht am eigenen Bild. Doch die Untersuchung sei mit Zustimmung der Patientin durchgeführt worden. Daher seien die Aufnahmen nicht rechtswidrig angefertigt worden.

Dass sich die Frau falsche Vorstellungen davon gemacht habe, was da letztlich alles zu sehen sei, ändere daran nichts. Sie habe die Aufnahmen von der Lendenwirbelsäule gewollt und gewusst, dass ihr Körper aufgenommen werden würde. Ärzte müssten Patienten nicht darüber aufklären, wie Bildaufnahmen des Körpers genau aussähen, die bei der Magnetresonanztomographie entstehen.

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