Schadenersatz, Schmerzensgeld

Selbstmörder in Finanznöten

Haftpflichtversicherung: Ein Suizidversuch gehört nicht zu den "Gefahren des täglichen Lebens"

Ein Mann sprang in Selbstmordabsicht aus dem sechsten Stock und überlebte den Sturz schwer verletzt. Im Zusammenhang mit seiner Verzweiflungstat kamen auch Schadenersatzansprüche auf ihn zu. Er wandte sich daher an seine private Haftpflichtversicherung. Weil sich der Versicherer weigerte zu zahlen, kam es zum Rechtsstreit.

Das Oberlandesgericht Hamburg stellte sich auf die Seite der Versicherung (9 W 55/94). Nach dem Versicherungsvertrag umfasse der Versicherungsschutz lediglich Gefahren des täglichen Lebens. Risiken, die Versicherungsnehmer freiwillig auf sich nehmen, indem sie einer "ungewöhnlichen" oder "gefährlichen Beschäftigung" nachgehen, seien vom Versicherungsschutz ausgenommen.

Ein Selbstmordversuch weiche so weit von allgemeinen Regeln und üblichem Verhalten ab, dass er jedenfalls nicht als "Verwirklichung einer Gefahr des täglichen Lebens" anzusehen sei. Die Versicherung müsse deshalb nicht für den Schaden aufkommen.

Rentnerin fällt in der Klinik aus dem Bett

Schadenersatz stünde dem Witwer nur zu, wenn das Klinikpersonal seine Sorgfaltspflicht verletzt hätte

Nach einem leichten Schlaganfall wurde eine 75-jährige Rentnerin in ein Kreiskrankenhaus eingeliefert. Als sie eines Nachts die Toilette aufsuchte, fiel sie zu Boden. Die diensthabenden Schwestern legten die Seniorin wieder ins Bett. Drei Stunden später stürzte sie erneut an oder aus ihrem Bett. Aufgrund der Verletzungen, die sich die Patientin dabei zuzog, erlitt sie drei Wochen später eine Embolie mit Herzstillstand.

Zwar stabilisierte sich ihr Gesundheitszustand wieder. Die Rentnerin war jedoch pflegebedürftig, konnte nur noch den linken Arm und das linke Bein bewegen, nicht mehr sprechen oder selbständig essen. Nach ihrem Tod verlangte der Witwer vom Krankenhaus, vom Chefarzt und von den beiden diensthabenden Krankenschwestern Schmerzensgeld sowie eine angemessene Entschädigung für die Kosten, die durch die Pflegebedürftigkeit entstanden waren.

Das Oberlandesgericht Frankfurt winkte jedoch ab (14 U 155/91). Die Klage des Ehemannes könnte nur Erfolg haben, wenn das Krankenhauspersonal seine Sorgfaltspflicht verletzt hätte. Das würde zutreffen, wenn die Patientin nach dem ersten Sturz unzureichend gesichert worden wäre.

Nach Aussagen eines Sachverständigen sei es aber nach einem leichten Schlaganfall nicht zwingend erforderlich, am Bett ein Gitter anzubringen oder eine Schwester als Sitzwache abzustellen. In der Regel seien die Psatienten nach einem leichten Schlaganfall "bewusstseinsklar". Das Personal müsse nicht damit rechnen, dass sie ohne Begleitung das Bett verlassen.

Der Sturz sei auch nicht die Spätfolge eines Behandlungsfehlers. Zwar sei die Frau bei ihrer Einlieferung keiner Computertomographie unterzogen worden. Ein leichterer Schlaganfall bei älteren Patienten könne aber auch ohne diese Untersuchung sachgerecht behandelt werden.

In der Bäckerei über Waren gestolpert

Die Verkehrssicherungspflicht der Ladeninhaberin gilt auch vor der offiziellen Öffnungszeit

Die Kundin wollte fürs Frühstück einkaufen und war so früh dran, dass die Bäckerei eigentlich noch geschlossen war. Die Ladeninhaberin ließ sie trotzdem hinein. Bevor die Bäckerin allerdings die Kundin bedienen konnte, stolperte diese über eine Holzpalette mit Waren, die zwischen Eingang und Ladentheke am Boden lag. Für die schwere Knieverletzung, die sich die Kundin beim Sturz zuzog, verlangte sie von der Ladeninhaberin Schmerzensgeld.

Das Oberlandesgericht Nürnberg gab der Kundin im Prinzip Recht, kürzte aber ihre Forderung um 40 Prozent (4 U 1265/16). In einer Bäckerei schauten die Kunden in erster Linie auf die ausgelegten Waren und nicht auf Gegenstände, die am Boden lägen. Daher dürften da keine Stolperfallen herumliegen. Das gelte auch vor der Ladenöffnungszeit — jedenfalls dann, wenn Kunden auch zuvor schon im Laden etwas kaufen könnten. Daher müsse die Bäckerin grundsätzlich für die Unfallfolgen haften.

Allerdings müsse sich die Verletzte auf ihren Anspruch Mitverschulden anrechnen lassen. Da sie den Ladenraum vor den angegebenen Öffnungszeiten betreten habe, hätte sie damit rechnen müssen, dass Waren geliefert und eingeräumt werden. Daher hätte sie sich aufmerksam umschauen müssen. So eine Warenpalette sei ja nicht gerade klein und aufgrund ihrer Struktur mit den länglichen Holzplatten gut zu erkennen.

Kleinkind mit Hüftproblemen

Kinderarzt und Orthopäde haften für Fehldiagnosen bei anormalen Hüftgelenken

Im Oktober 2009 wurde ein Mädchen mit einer Fehlstellung der Hüfte geboren. Bei ersten Untersuchungen im November beurteilte der Kinderarzt die Hüftgelenke des Babys jedoch als "normal entwickelt". Im Dezember 2010 suchten die Eltern den Arzt erneut auf und erklärten, das kleine Mädchen hinke leicht.

Nun überwies der Kinderarzt die Patientin an einen Orthopäden. Der bestätigte Anfang 2011 ein "auffälliges Gangbild" und verordnete Krankengymnastik. Neun Monate später war der Mediziner mit dem Resultat zufrieden: Die Gangart des Kindes sei "altersentsprechend", das Problem behoben.

Diese Diagnose war falsch, bald hinkte das Mädchen wieder und schlimmer als zuvor. Im Februar 2012 stellte ein anderer Orthopäde eine Hüftgelenksluxation links fest (= Kontaktverlust der gelenkbildenden Knochen zueinander). Das Mädchen musste zwei Mal operiert werden. Im Namen des Kindes verklagten die Eltern den Kinderarzt und den ersten Orthopäden auf Schmerzensgeld: Sie warfen den Medizinern vor, die Hüfte des Kindes unzureichend untersucht und behandelt zu haben.

Das sachverständig beratene Oberlandesgericht (OLG) Hamm gab den Eltern Recht und sprach dem Kind insgesamt 45.000 Euro Schmerzensgeld zu (3 U 173/15). Der Kinderarzt habe einen Befund (die Sonographie des Hüftgelenks) falsch ausgewertet und die Fehlstellung des linken Hüftgelenks verkannt. Hätte er richtig gemessen und die Fehlstellung anschließend konsequent konservativ behandelt (geschient), hätte sich das Kind normal entwickeln können. Die Erfolgschance sei in solchen Fällen hoch — die Luxation und die deshalb notwendigen Operationen wären dem Mädchen erspart geblieben.

Auch der Orthopäde schulde der kleinen Patientin Entschädigung, so das OLG. Als die Eltern mit dem Kind zu Beginn des Jahres 2011 in seine Praxis kamen, habe er nicht ausreichend Befunde erhoben. Wenn ein Kleinkind auffällig hinke, müssten die möglichen Ursachen sofort abgeklärt werden: Er hätte die Hüften röntgen und das Kind in regelmäßigen Abständen untersuchen müssen. Das zu unterlassen, stelle einen Behandlungsfehler dar. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, dass sich eine Luxation anbahnte. Dann hätte man ein Jahr früher mit Gegenmaßnahmen beginnen können.

Beim Autofahren nach dem Portemonnaie gebückt

Automieter verursacht einen Unfall, weil er nach seinem heruntergefallenen Geldbeutel sucht

Für einen Umzug mietete Herr T einen Transporter (Iveco Daily). Der gewählte Miettarif des Autovermieters für Nutzfahrzeuge sah bei einem Unfall eine Selbstbeteiligung des Kunden von 150 Euro vor. Während der letzten Fahrt am Abend ließ Herr T sein Portemonnaie fallen. Er bückte sich und fingerte im Fußraum herum, um es zu aufzuheben. Es kam, wie es kommen musste: Der Transporter prallte gegen einen geparkten Wagen.

Den Unfallhergang schilderte der Automieter auch der Polizei und dem Autovermieter ganz ehrlich. Der verklagte ihn prompt auf über 5.000 Euro Schadenersatz für die Reparaturkosten. Darauf habe das Unternehmen Anspruch, urteilte das Oberlandesgericht (OLG) Hamm, obwohl bei Unfällen nur eine Selbstbeteiligung fällig sein sollte (18 U 155/15). Da Herr T das Eigentum des Autovermieters grob fahrlässig beschädigt habe, könne er sich nicht auf die vereinbarten Haftungsbeschränkungen berufen.

Wer sich mit 50 km/h bei dichtem Verkehr in einer Innenstadt in den Fußraum des Fahrzeugs hinunterbeuge, provoziere geradezu einen Unfall. Fahrer könnten so den Verkehr nicht mehr beobachten und das Fahrzeug während einer beträchtlichen Fahrtstrecke nicht kontrollieren. Also müsse man auch damit rechnen, das Fahrzeug nicht in der Spur halten zu können. Für so ein leichtsinniges Verhalten gebe es keinerlei Entschuldigung.

Dass Herr T nachträglich behauptete, das Portemonnaie hätte andernfalls unter das Bremspedal rutschen können, sei nicht plausibel. Er hätte es ebenso gut später aufheben können. Schon möglich, dass der Automieter spontan nach dem Portemonnaie gegriffen habe. Das ändere jedoch nichts am Vorwurf grober Fahrlässigkeit — angesichts der Geschwindigkeit und der Verkehrsdichte sei es nicht nachvollziehbar, dass ein Autofahrer während der Fahrt einfach "abtauche".

Sprung im Freibad endet auf Beton

DIN-Normen sind kein verbindlicher Standard - kein Schmerzensgeld für Badegast

In einem Freibad in Sachsen stieg ein Mann auf den Drei-Meter-Sprungturm. Oben angekommen, rutschte er aus, glitt unter dem Geländer hindurch und stürzte auf das Betonpflaster unter dem Turm. Dabei verletzte sich der Badegast erheblich. Von der Gemeinde als Betreiberin des Schwimmbades verlangte er 15.000 DM Schmerzensgeld. Er begründete dies mit dem Argument, der 1973 aufgestellte Sprungturm entspreche nicht den geltenden DIN-Vorschriften.

Das Oberlandesgericht Dresden entschied, dass die Gemeinde kein Schmerzensgeld bezahlen muss (6 U 289/95). DIN-Normen seien lediglich Empfehlungen, die freiwillig angewendet werden sollten. Wenn so eine Norm nicht eingehalten werde, bedeute das nicht automatisch, dass die Anlage nicht verkehrssicher sei.

Zwar bemühten sich die Gemeinden der neuen Bundesländer, Gefahrenstellen nach westdeutschem Standard abzusichern. Aufgrund begrenzter wirtschaftlicher Mittel müssten sie sich aber vorrangig darum kümmern, Gefahrenquellen zu beseitigen, die im Alltag massive Risiken darstellten. Ein Sprungturm in einem Freibad zähle nicht dazu. Zum einen werde er nur in der Sommersaison genutzt. Zum anderen seien seit 1973 keine vergleichbaren Unfälle passiert. Die Kommune habe deshalb ihre Verkehrssicherheitspflicht nicht verletzt.

Kundin rutscht in der Apotheke aus

Muss der Apotheker für einen Sturz auf feuchtem Boden haften?

Im Februar 2015 kämpfte sich eine Münchnerin durch Schnee und Matsch zur Apotheke durch, um Medikamente zu besorgen. Dort wischte gerade eine Reinigungskraft den schmutzigen Boden. Die Frau rutschte aus und verletzte sich bei dem Sturz am rechten Ellenbogen. Sie musste operiert werden und war sechs Wochen lang arbeitsunfähig.

Vom Apotheker verlangte sie 1.500 Euro Schmerzensgeld und rund 2.000 Euro Schadenersatz für unfallbedingte Ausgaben. Der Fußboden sei glitschig gewesen, der Apotheker hätte Vorsorge gegen Unfälle treffen müssen. Doch der Apotheker wies jede Verantwortung für den Sturz von sich: Immerhin habe er den Boden säubern lassen und im Eingangsbereich zwei große Fußmatten ausgelegt, damit sich die Kunden den Schneematsch von den Schuhen streifen konnten.

Das Amtsgericht München gab ihm Recht (274 C 17475/15). Dass Kunden im Winter mit den Schuhen von draußen Feuchtigkeit und Schmutz in eine Apotheke tragen, sei gar nicht zu verhindern. Naturgemäß werde der Fußboden dadurch rutschig, das müssten die Kunden hinnehmen. Vom Apotheker könne man nicht mehr verlangen als das, was er ohnehin unternommen habe: Matten auszulegen, damit so wenig Schnee wie möglich hineingetragen werde.

Zusätzlich habe eine Reinigungskraft gewischt. Damit habe sie die Sturzgefahr nicht geschaffen oder erhöht, sondern verringert. Im Winter den Boden ständig trocken und schneefrei zu halten, sei unmöglich. So häufig könne man gar nicht wischen - denn mit jedem Kunden komme wieder neue Feuchtigkeit dazu. Allgemein gelte: In einer Apotheke sehe die Schutzpflicht des Inhabers gegenüber den Kunden anders aus als in einem Einkaufsmarkt mit großem Publikumsandrang.

In riesigen Supermärkten oder Kaufhäusern könne es notwendig und sinnvoll sein, Mitarbeiter in regelmäßigen Abständen den Fußboden säubern zu lassen. Zum einen herrsche dort zu Stoßzeiten so ein Andrang, dass Besucher den Boden nicht überall gut sehen könnten. Zum anderen gehe es um ein anderes Warensortiment. Da könne schon mal etwas verschüttet werden oder in der Gemüseabteilung Salatblätter auf den Boden fallen, auf denen Kunden ausrutschen könnten.

Kein Abschied vom toten Vater

Stiefmutter lässt den Sohn ihres verstorbenen Mannes nicht zur Bahre: Schmerzensgeld?

Herr Q, verheiratet in zweiter Ehe, starb im Mai 2014. Beim Beerdigungsinstitut fragte sein erwachsener Sohn aus erster Ehe, wo der Vater bis zur Beisetzung aufgebahrt sei. Doch die Inhaberin des Instituts gab keine Auskunft. Deshalb ging der Sohn "auf gut Glück" zum nächsten Friedhof, wo der Verstorbene tatsächlich in der Friedhofskapelle aufgebahrt war. Dort traf er auf seine Stiefmutter und die Bestatterin.

Er wolle sich vom Vater persönlich verabschieden, sagte der Sohn zur Witwe, die ihm jedoch den Zugang zur Bahre verweigerte. Ob das für tiefe Trauer spricht, scheint zweifelhaft: Jedenfalls forderte der Sohn von der Stiefmutter 1.500 Euro Schmerzensgeld, weil sie ihm den letzten Abschied vom Vater "von Angesicht zu Angesicht" verwehrt hatte. Das Totenfürsorgerecht stehe ihm als Sohn ebenso zu wie der zweiten Ehefrau.

Dem widersprach das Landgericht Bielefeld und wies die Zahlungsklage des Sohnes ab (21 S 10/15). Wenn ein Verstorbener die Umstände der Beerdigung nicht selbst geregelt habe, bestimme allein der überlebende Ehepartner über die Art und Weise der Bestattung. Und damit auch über die Frage, ob der Leichnam offen aufgebahrt werde und wer ihn betrachten dürfe. Von der Teilnahme an der Beerdigung sei der Sohn nicht ausgeschlossen worden.

Ein Anspruch auf Schmerzensgeld setze einen schweren Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht voraus. Inwiefern die Entscheidung der Stiefmutter, dem Stiefsohn den Zugang zum Leichnam des Vaters zu verweigern, die Integrität seiner Persönlichkeit verletzt haben könnte, sei nicht ersichtlich.

Bauherrin stößt gegen Gerüst-Querstange

Verletzt sich eine Person an einer gut sichtbaren Gerüst-Querstange, haftet dafür nicht der Gerüstbauer

Eine Hauseigentümerin ließ ihr Einfamilienhaus sanieren, deshalb wurde an der Fassade ein Gerüst aufgestellt. Die Frau stand im Garten und schaute den Mitarbeitern der Gerüstbaufirma zu, als drinnen das Telefon läutete. Sie wollte ins Haus laufen, stieß aber mit dem Kopf gegen eine Querstange des Gerüsts und erlitt eine Gehirnerschütterung.

Dafür machte die Bauherrin die Gerüstbaufirma verantwortlich: Ihre Mitarbeiter hätten die Querstange markieren bzw. mit Bändern kenntlich machen müssen, meinte sie. Doch das Amtsgericht Nürnberg wies die Klage der Frau auf Schmerzensgeld ab (239 C 5388/16). Wenn die Hauseigentümerin eine gut sichtbare Querstange am Gerüst übersehe, sei das nicht dem Gerüstbauer vorzuwerfen.

Hier seien wohl einige ungünstige Umstände zusammen gekommen: Das Telefon habe geläutet, die Bauherrin habe den Anruf auf keinen Fall verpassen wollen und vielleicht auch nicht gut gesehen, weil sie gegen die Sonne schaute. Trotzdem habe sich die Frau den Unfall selbst zuzuschreiben, erklärte das Gericht. Die Gerüstbaufirma sei nicht verpflichtet, Querstangen extra zu markieren, die von weitem deutlich sichtbar seien. Von einer "Gefahrenstelle" könne hier keine Rede sein. Die Hauseigentümerin habe eben vor lauter Eile nicht aufgepasst.

Ponys bringen Mountainbiker zu Fall

Verursachen mehrere Pferde einen Unfall, haften alle Tierhalter und ihre Versicherungen gemeinsam

Eine Gruppe von Jugendlichen ritt auf Ponys einen Feldweg entlang. Auf einem querenden Feldweg näherte sich eine von zwei Pferden gezogene Kutsche — und löste ohne eigenes Zutun Chaos aus. Denn bei ihrem Anblick erschraken die Ponys, gingen durch und galoppierten in wilder Jagd davon. Ein entgegenkommender Mountainbiker musste jäh bremsen und flog in hohem Bogen vom Rad. Beim Aufprall auf dem Acker verletzte er sich so schwer am Rücken, dass er seither querschnittsgelähmt ist.

Der Verunglückte verklagte Frau A, die Mutter eines Reiters, auf Schadenersatz und Schmerzensgeld: Sie war die Tierhalterin des Ponys, das nach Aussagen aller Zeugen dem Radfahrer "am nächsten gekommen war". Ihre Tierhalterhaftpflichtversicherung musste nach einem Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt an das Unfallopfer 432.000 Euro zahlen.

Von den anderen Pony-Haltern forderte die Versicherung anteiligen Schadensausgleich: Schließlich seien auch deren Ponys durchgegangen. Das OLG wies die Klage ab: Es stehe fest, dass das Pony der Tierhalterin A den Sturz ausgelöst habe. Damit war der "Pferdesenat" des Bundesgerichtshofs (BGH) nicht einverstanden (VI ZR 467/13).

Wenn das Scheuen eines Pferdes zu einem Schaden führe, wirke sich eine für Tiere typische Gefahr aus, ihre Unberechenbarkeit, stellte der BGH fest. Im konkreten Fall habe eine Panikreaktion den Unfall verursacht, die besonders für Pferde charakteristisch sei. Eben deshalb komme es auch nicht darauf an, welches Pony am Ende der wilden Jagd in der Nähe des gestürzten Mountainbikers stand.

Alle Ponys hätten an der Kreuzung der Feldwege gescheut und seien gleichzeitig davongaloppiert. Daher könne man nicht sagen, das Pony der Frau A habe den Sturz konkret ausgelöst und die anderen nicht. Zumindest indirekt habe jedes der fünf Ponys zu dem Unfall beigetragen. Daher müssten alle Tierhalter bzw. deren Versicherungen zu gleichen Teilen für die schwerwiegenden Unfallfolgen haften.

Tödliche Kastration

Tierarzt haftet für grob fehlerhafte Kastration eines Hengstes

Für 5.000 Euro hatte eine Reiterin in Spanien den Hengst "Apache" gekauft, der der iberischen Rasse angehörte. Zu Hause beauftragte sie einen Tierarzt damit, das Pferd zu kastrieren. Der Tiermediziner führte die Operation am liegenden Tier in Vollnarkose durch. Dabei traten Komplikationen auf. Der Hengst wurde in eine Tierklinik verlegt und nochmals operiert. Doch er war nicht mehr zu retten: Nach Multiorganversagen musste er eingeschläfert werden.

Dafür machte die Tierhalterin den Tierarzt verantwortlich: Der Eingriff sei misslungen und zudem habe er sie vorher über dessen Risiken nicht richtig aufgeklärt. 8.000 Euro forderte die Frau: Ersatz für den Kaufpreis des Pferdes und die Kosten der Tierklinik. Zu Recht, entschied das Oberlandesgericht Hamm (3 U 28/16). Auch die Rechnung des Tierarztes über 500 Euro müsse die Reiterin nicht bezahlen, denn er habe den Behandlungsvertrag schlecht erfüllt.

Zum einen habe es der Tiermediziner versäumt, die Pferdebesitzerin über die Kastrationsmethoden — Eingriff im Stehen oder im Liegen — und deren unterschiedliche Risiken zu informieren. Dazu hätte es auch gehört, das bei der iberischen Rasse erhöhte Risiko von Muskelschwäche (Myopathie) nach so einem Eingriff zu erläutern, die das spätere Aufstehen des Pferdes erschwere oder sogar unmöglich machen könne. Ein Eingriff im Liegen sei bei diesen Tieren besonders problematisch.

Zum anderen habe die Operation laut Sachverständigengutachten generell nicht medizinischem Standard entsprochen: Bei einer Kastration im Liegen müsse der Tierarzt die notwendige Ligatur (= Unterbindung von Blutgefäßen mit einer Naht) beidseitig vornehmen und diese durch eine Transfixation absichern. Stattdessen habe er die Ligatur nur an einer Seite ausgeführt und diese nicht fixiert.

Das sei grob fehlerhaft, weil so das Risiko bestehe, dass der Darm beim Aufstehen des Pferdes eingeklemmt werde oder eine Blutung entstehe und die Ligatur abrutsche. Eben diese Konsequenz sei tatsächlich eingetreten, wie die Tierklinik festgestellt habe. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass die groben Behandlungsfehler des Tiermediziners zum Tod von "Apache" führten.

Unfall auf der Trabrennbahn

Zur Haftung nach einer Kollision von Sulkyfahrern beim Pferderennen

Bei einem Trabrennen lenkte ein Sulkyfahrer sein Pferd abrupt nach rechts. Die nachfolgenden drei Gespanne konnten nicht mehr ausweichen und es kam zu einer folgenschweren Kollision, bei der sich ein Teilnehmer verletzte. Der verletzte Sportler verlangte vom Unfallverursacher Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hatte darüber zu entscheiden, ob mit der Teilnahme am Trabrennsport stillschweigend ein "Haftungsausschluss" vereinbart wird (22 U 131/94). Darauf pochte der Unfallverursacher, weil er dann nicht verpflichtet gewesen wäre, Schadenersatz zu leisten. Ein Haftungsausschluss gilt bei gefährlichen Sportarten wie z.B. Autorennen: Hier geht man davon aus, dass jeder Teilnehmer die Gefahren dieses Sports kennt, dieses Risiko bewusst eingeht und darauf verzichtet, bei einem Unfall Schadenersatzansprüche zu stellen.

Doch dem verletzten Sulkyfahrer sprach das OLG die geforderte Entschädigung zu. Trabrennfahren gehöre nicht zu den besonders gefährlichen Sportarten. Zwar würden die Gespanne mit hoher Geschwindigkeit gefahren, vor allem beim Überholen könne es deshalb zu verletzungsträchtigen Berührungen kommen. Anders als Kampfsportarten sei aber der Pferdesport nicht auf direkten "Körperkontakt" und Kampf ausgerichtet. Deshalb sei nicht anzunehmen, dass die Fahrer allein mit ihrer Teilnahme am Rennen auf Haftung für Unfälle verzichten wollten.

Nach dem ausdrücklichen Wortlaut der Trabrennordnung müsse sich jeder Teilnehmer im Rennen so verhalten, dass er die anderen Teilnehmer nicht störe, behindere oder gefährde. Gegen diese Regelung habe der Unfallverursacher grob fahrlässig verstoßen, indem er abrupt nach rechts ausgewichen sei. Es habe ihm klar sein müssen, dass es ihm bei seiner Geschwindigkeit nicht mehr möglich sein würde, an den anderen Gespannen vorbeizukommen. Der gestürzte Sportler habe daher Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz für die Behandlungskosten.

Unfall mit repariertem Unfallauto

Haftet der Verursacher des ersten Schadens auch dafür?

Mit dem Auto seines Freundes war ein junger Mann gegen eine Hausmauer gefahren. Er brachte den Wagen sofort in eine Werkstatt und ließ ihn reparieren. Seine Schwester bat er darum, das Auto abzuholen und dem Eigentümer zu übergeben. Doch die Schwester lieferte es nicht ab, sondern nutzte die "Gelegenheit": Sie unternahm eine Spritztour nach Holland, bei der das Auto ein weiteres Mal beschädigt wurde.

Der Autobesitzer verlangte von seinem Freund, nun auch für den zweiten Unfall einzustehen. Begründung: Wenn er nicht den ersten Unfall verursacht hätte, wäre seine Schwester gar nicht erst in Versuchung geraten, mit dem Wagen eine Spritztour zu unternehmen. Dann wäre der zweite Unfall nicht passiert.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf hielt den zweiten Schaden allerdings nicht für eine Folge des ersten Unfalls und entschied, dass die Schwester für den Schaden aufkommen muss (10 U 187/93). Ihr Unfall stehe zum Geschehen vorher in keinem ursächlichen Zusammenhang. Die Schwester habe ihren Ausflug ohne Wissen und Billigung des Bruders unternommen, der sich darauf verlassen habe, dass sie das Auto abgeben würde. Für dieses Fehlverhalten könne man nicht den Bruder verantwortlich machen.

Haare beim Färben verbrannt

Friseurin sengte beim "Painting" vorgeschädigte Haare einer Kundin an: 1.000 Euro Schmerzensgeld

Im Sommer 2014 besuchte Frau X einen Friseursalon, um sich ihre langen schwarzen Haare blondieren zu lassen. Die Kundin hatte ihre Haare, die ziemlich angegriffen waren, selbst schon mehrmals gefärbt. Friseurin L riet von einer Komplettblondierung ab und schlug der Kundin vor, die Haare per "Painting" zu färben. Dabei wird das Haar auf Frischhaltefolie gelegt ("Strähnchentechnik") und nicht bis zum Haaransatz gefärbt.

Frau X akzeptierte den Vorschlag und die Friseurin machte sich mit einem handelsüblichen Färbemittel ans Werk. Nach ca. 20 Minuten klagte die Kundin über Hitze im Nacken. Sofort spülte Friseurin L die Haare aus — doch sie waren bereits so angesengt, dass sie drastisch gekürzt werden mussten. Frau X verklagte die Inhaberin des Salons auf Zahlung von 4.000 Euro Schmerzensgeld.

Das Amtsgericht Rheine sprach der Kundin 1.000 Euro zu (14 C 391/14). Mitarbeiterin L habe fahrlässig gehandelt, indem sie massiv geschädigte, poröse Haare gefärbt habe. Die Painting-Methode, also das Färben mittels Strähnchen, sei zwar schonender als eine Blondierung. Sie belaste das Haar trotzdem erheblich, wie die vom Gericht beauftragte Sachverständige erläutert habe: Denn chemische Vorgänge in Verbindung mit Wärme griffen das Haar weiter an, das auf Oxidationsmittel reagiere.

Das habe Frau L gewusst bzw. als ausgebildete Friseurin wissen müssen. Also hätte sie der Kundin von einer weiteren Farbbehandlung abraten oder zumindest einen Probedurchlauf mit einigen Haarspitzen durchführen müssen. Stattdessen habe sie noch größere Schäden am Haar in Kauf genommen. Für die Schmerzen, den Verlust der langen Haare und eine unerwünschte Frisur stehe der Kundin daher eine Entschädigung zu. Mehr als 1.000 Euro sei aber nicht angemessen.

Bei der Festsetzung des Betrags berücksichtigte das Gericht, dass Haarschäden bei der Painting-Methode höchst selten sind und im betroffenen Friseursalon noch nie vorkamen. Zudem hatte Friseurin L sofort versucht, den Schaden wieder gut zu machen, indem sie der Kundin die Haare stufig auf Kinnlänge schnitt und Pflegeprodukte anbot. Und schließlich habe Frau L kein gesundes, volles Haar ruiniert — das hätte auf die Farbbehandlung gar nicht auf diese Weise reagiert, so das Fazit des Amtsgerichts.

Fünfjährige mit Punsch verbrüht

Kind rennt in Betreuungseinrichtung gegen einen Punschtopf und wird von überschwappender Flüssigkeit verletzt: Schmerzensgeld?

Mit seinen Eltern besuchte ein kleines Mädchen einen Adventsmarkt und eine Jugendbetreuungseinrichtung, die einen "Tag der offenen Tür" mit Kinderspielen und Bastelangebot veranstaltete. Gegen 19.40 Uhr wollten die Eltern gehen, trafen dann aber Bekannte, mit denen sie sich unterhielten. Der Vater ermahnte die Tochter, sie solle einstweilen "nicht so arg herumtollen". Doch das war schnell vergessen.

Die Fünfjährige spielte ausgebreiteten Armen "Flugzeug", als ein Erzieher aus der Küche kam. Er hatte Kinderpunsch zubereitet und trug einen großen, etwa halb gefüllten Topf zum Verkaufsstand. Das Mädchen rannte gegen den Topf, den der Erzieher mit beiden Händen hielt. Heißer Punsch schwappte über und verbrühte das Kind im Gesicht, an Hals und Ohren sowie am Unterarm. Die Verbrennungen mussten zehn Tage lang im Krankenhaus und anschließend ambulant behandelt werden.

Im Namen ihrer Tochter verklagten die Eltern den Erzieher auf 5.000 Euro Schmerzensgeld und Ersatz von Behandlungskosten. Doch sie verloren den Prozess beim Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart (2 U 140/14). Am Abend sei das Haus noch gut besucht gewesen, so das OLG. Natürlich habe man damit rechnen müssen, dass die Kinder herumtobten und "im Spieleifer" nicht aufpassten. Doch der Erzieher habe so gut wie möglich dafür gesorgt, dass — selbst bei einem Zusammenstoß oder wenn er stolpern sollte — keine heiße Flüssigkeit aus dem Topf herausschwappte.

Er habe den Topf mit einem Deckel transportiert, der nicht nur lose auflag, sondern fest in einen Führungsring eingelassen war. Zudem habe der Mann den großen, schweren Topf höchstens zur Hälfte gefüllt. Damit habe er alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die ein gewissenhafter Erzieher für nötig, aber auch ausreichend halten durfte, um so ein Malheur zu vermeiden.

Dass sich das kleine Mädchen dennoch verbrühte, sei das Ergebnis eines sehr ungewöhnlichen, so nicht vorhersehbaren Geschehens, bei dem Zufälle unglücklich zusammenwirkten. Das Kind habe "Flieger" gespielt und sei sehr schnell, mit ziemlicher Wucht von vorne gegen den Erzieher gestoßen und habe sich noch dazu mit den Händen am Topf festhalten wollen. Von einem schuldhaften Fehlverhalten des Erziehers könne keine Rede sein.

Leistungssportler durch Unfall ausgebremst

Bei der Bemessung von Schmerzensgeld ist auch ein Verlust an Lebensfreude zu berücksichtigen

Ein 39 Jahre alter Mann wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Seither ist er dauerhaft beeinträchtigt. Seinen linken Daumen und das linke Handgelenk kann er nicht mehr richtig bewegen, was ihn als Linkshänder beim Schreiben und Greifen erheblich behindert. Zudem hatte der Verletzte vor dem Unfall Leistungssport betrieben und kann diesem Hobby jetzt nicht mehr nachgehen.

Deshalb zog er vor das Oberlandesgericht (OLG) Naumburg und verlangte von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers mehr Schmerzensgeld, als ihm vom Landgericht zugesprochen worden war. Das OLG gab dem Mann Recht und erhöhte die Entschädigung auf 35.000 Euro (1 U 59/14).

Wenn die Höhe des Schmerzensgeldes festgesetzt werde, komme es wesentlich auf die Schwere der Verletzungen an, auf Umfang bzw. Dauer der Heilbehandlung und bleibende Schäden. Aber auch der Verlust an Lebensfreude sei zu berücksichtigen, wenn jemand infolge eines Unfalls gewohnte Freizeitaktivitäten aufgeben müsse, betonte das OLG. Im konkreten Fall sei das Unfallopfer als Leistungssportler aktiv gewesen.

Diese Freizeitbeschäftigung habe bisher sein Leben bestimmt, der Unfall habe sie ihm genommen. Danach habe der Mann zwar mit großem Engagement trainiert. Aufgrund der Bewegungseinschränkungen könne er aber über den Leistungsstand eines Freizeitsportlers nie mehr hinauskommen. Darunter leide der Sportsfreund, weil er Sport auf diesem Level verständlicherweise nicht als gleichwertig empfinde.

Benzin statt Diesel getankt

Automieter müssen Fahrzeugschäden ersetzen, wenn sie falschen Kraftstoff tanken

Im November 2013 mietete Frau Z in München zuerst einen Mercedes-Benz (A-Klasse mit Benzinmotor), der später vom Autovermieter gegen ein Dieselfahrzeug ausgetauscht wurde (Mercedes-Benz B-Klasse B 180 CDI). Diesen Wagen betankte sie mit Benzin anstelle von Diesel, ohne den Irrtum zu bemerken. Die Mieterin fuhr mit dem Dieselfahrzeug weiter, bis der Mercedes wegen des falschen Kraftstoffs liegen blieb. Die Reparaturkosten betrugen 1.080 Euro, für die der Autovermieter Schadenersatz von der Kundin forderte.

Die weigerte sich zu zahlen und behauptete, der Vermieter hätte sie beim Austausch der Autos auf den anderen Kraftstoff hinweisen müssen: Schließlich habe man ihr ein "vergleichbares Fahrzeug" versprochen. Außerdem sei ihr das Versehen am Abend passiert, da habe sie in der Dunkelheit und bei Schneetreiben den Aufdruck auf dem Tankdeckel nicht erkannt.

Mit dieser Entschuldigung kam Frau Z jedoch beim Amtsgericht München nicht durch: Sie musste den Schaden ersetzen (113 C 27219/14). Der Autovermieter sei nicht verpflichtet, die Kunden über den richtigen Kraftstoff zu informieren, so das Gericht. Umgekehrt gelte: Wer ein Auto miete, müsse sich darüber informieren, was für einen Kraftstoff das Auto benötige. Zudem habe Frau Z leichtsinnig deutliche Hinweise ignoriert und das Eigentum des Autovermieters auf grob fahrlässige Weise beschädigt.

Der Wagen habe einen roten Tankdeckel, auf dem gut lesbar in weißer Schrift "Diesel" stehe. An einer beleuchteten Tankstelle sei die weiße Aufschrift auch bei abendlichem Schneetreiben zu erkennen. Sie müsse dem Fahrer beim Öffnen des Tankdeckels geradezu "ins Auge stechen". Auch hätte es die Automieterin nachdenklich stimmen müssen, dass sich der Wagen in der Fahrweise grundsätzlich von einem "Benziner" unterschied.

Karambolage im Supermarkt

Kundin stößt aus Versehen im Supermarkt eine andere Kundin um: Haftung für Ellenbogenbruch?

Es war kein alltäglicher Unfall, der sich 2012 in einem Dortmunder Supermarkt ereignete: Frau A stand vor einem Regal. Um eine Verkäuferin vorbeizulassen, trat sie einen Schritt zurück. Dabei stieß Frau A mit Kundin B zusammen, die gerade hinter ihr vorbeigehen wollte. Frau B stürzte und brach sich den Ellenbogen.

Die Verletzte wurde in einer Klinik operiert. Die Haftpflichtversicherung von Kundin A zahlte ihr vorgerichtlich 2.800 Euro Entschädigung. Vergeblich klagte Frau B auf mehr Schmerzensgeld: Das Oberlandesgericht Hamm fand, beide Kundinnen seien je zur Hälfte schuld gewesen an dem Unfall im Supermarkt, weil sie nicht aufpassten (6 U 203/15).

Frau A habe einen Schritt zurück gemacht, ohne sich zuvor umzusehen — und habe so Frau B umgestoßen. Verständige Kunden bewegten sich in einem belebten Supermarkt im eigenen Interesse nicht rückwärts, ohne sich vorher umzuschauen. Schließlich müsse man hier immer mit Hindernissen rechnen: Einkaufswagen, Paletten, Kunden, Personal.

Aber auch Frau B habe zu der Kollision beigetragen, weil sie beim Vorbeigehen nicht auf die Bewegungen der Frau A geachtet habe. Das verstoße ebenfalls gegen die Sorgfaltspflichten von Kunden beim Besuch eines Supermarktes.

Wenn man das Mitverschulden der Verletzten berücksichtige, stehe ihr ein Schmerzensgeld von 1.500 Euro zu sowie 500 Euro Entschädigung dafür, dass sie wochenlang ihren Haushalt nicht selbst führen konnte. Da Frau B schon vor dem Prozess eine höhere Summe erhalten habe, gebe es jetzt kein Geld mehr.

Kleiner Radfahrer stößt gegen Auto

Eltern dürfen ein achteinhalb Jahre altes Kind mit Übung im Radfahren unbeaufsichtigt fahren lassen

Der Achtjährige hatte es offenbar sehr eilig und war mit seinem Fahrrad schnell unterwegs. Beim Abbiegen an einer Kreuzung passte er nicht auf und stieß gegen einen Wagen. Während das Kind zum Glück unverletzt blieb, trug der Wagen etliche Schrammen davon.

Der Kfz-Halter forderte von den Eltern des Jungen über 2.000 Euro Schadenersatz für Reparaturkosten: Seine Frau sei in Schrittgeschwindigkeit gefahren und an der Haltelinie stehen geblieben. Sie habe die Kollision nicht vermeiden können. Für den Schaden müssten die Eltern des kleinen Radfahrers haften, weil sie ihre Aufsichtspflicht verletzt hätten.

Dem widersprach das Landgericht Saarbrücken (13 S 153/14). Unstreitig habe das Kind den Wagen beschädigt, so das Landgericht. Doch Kinder unter zehn Jahren hafteten nicht, wenn sie im Straßenverkehr Schäden verursachten. Und die Eltern müssten dafür ebenfalls nicht einstehen, denn sie hätten ihre Pflichten sehr wohl erfüllt.

Wie weit die Aufsichtspflicht gehe, hänge vom Alter, von Charakter und Eigenart des Kindes ab. Dabei sei auch zu berücksichtigen, dass Eltern ihre Kinder zur Selbständigkeit erziehen sollten. Je reifer sie seien, desto mehr Freiraum müsse man ihnen lassen. Schulpflichtige Kinder dürften sich grundsätzlich ab dem sechsten Lebensjahr allein im Straßenverkehr bewegen. Das gelte erst recht, wenn es sich — wie hier — um eine verkehrsberuhigte Zone nahe der Wohnung handle.

Der Achtjährige sei im Radfahren geübt. Er habe mit den Eltern schon mehrere Radtouren gemacht, fahre regelmäßig allein mit dem Rad zum Sportverein und kenne die Verkehrsregeln. Die Eltern hätten das Kind eingehend über Regeln und Gefahren im Straßenverkehr informiert. Der Junge habe ausgesagt, er sollte langsam fahren und auf das "Vorrecht" von Autos achten.

Demnach hätten die Eltern keinesfalls ihre Aufsichtspflicht verletzt. Auch wenn der Junge einmal unaufmerksam gewesen sei: Im Prinzip könne er ohne weiteres alleine fahren, zumal in ungefährlicher Umgebung. Bis zum Unfall habe es für die Eltern keinen Anlass gegeben, ihn beim Radfahren zu überwachen.

DEKRA-Prüfer übersah Roststellen

Autokäufer verklagt Bundesland: Kein Schadenersatz wegen fehlerhafter Hauptuntersuchung

Im Herbst 2010 hatte Herr B von Verkäufer S einen gebrauchten Mercedes gekauft (Laufleistung 229.000 km, Kaufpreis: 6.800 Euro). Am nächsten Tag ließ der Verkäufer bei der DEKRA eine Hauptuntersuchung durchführen, bei der nur geringe Mängel festgestellt wurden. Das Auto erhielt die Plakette und wurde dem Käufer übergeben. Der wollte jedoch das Geschäft kurz darauf rückgängig machen.

Begründung: Der DEKRA-Prüfer habe eine Vielzahl notdürftig zugekleisterter Rostlöcher am Unterboden und in der Reserveradmulde übersehen. Der Wagen sei "Schrott". Da die Klage gegen S auf Rückzahlung des Kaufpreises scheiterte, verklagte Herr B das Bundesland Rheinland-Pfalz: Als Dienstherr des schlampig arbeitenden Prüfers müsse es Schadenersatz leisten für den falschen Prüfbericht. Der Prüfer habe seine Amtspflichten verletzt.

Das Oberlandesgericht Koblenz wies die Klage ab (1 U 232/15). Pflichtwidriges Verhalten des DEKRA-Sachverständigen wäre eventuell dem Bundesland zuzurechnen. Doch der schwere Vorwurf des Amtsmissbrauchs sei unbegründet. Der Kfz-Sachverständige habe den Mercedes untersucht und möglicherweise einige Mängel übersehen. Das stelle kein gravierendes Fehlverhalten dar, das den guten Sitten oder den Prinzipien von Treu und Glauben widerspreche.

Die Kfz-Hauptuntersuchung diene ausschließlich der Sicherheit im Straßenverkehr, sie solle nicht die Vermögensinteressen von Autokäufern schützen. Selbst wenn also die Prüfung des Fahrzeugs mangelhaft gewesen wäre, wäre daraus kein Anspruch auf Schadenersatz abzuleiten.

Letztlich komme es darauf aber gar nicht an: Denn Käufer B habe den Kaufvertrag bereits einen Tag vor der Hauptuntersuchung unterschrieben. Er habe den Mercedes nicht wegen der guten Prüfungsergebnisse gekauft. Schon deshalb stehe ihm kein Schadenersatz zu. Sein finanzieller Verlust durch den "Fehlkauf" sei keine Folge der "schlampigen" Prüfung, sondern seiner Kaufentscheidung am Tag zuvor. Die angebliche Amtspflichtverletzung habe damit gar nichts zu tun.