Versicherung

Zusammenstoß im Parkhaus

In einem Parkhaus müssen auch Vorfahrtsberechtigte vorsichtig fahren

Im Parkhaus eines großen Möbelhauses ereignete sich ein Unfall. Autofahrer A fuhr mit seinem Passat geradeaus: auf einer Straße, die durch das ganze Parkhaus führt und von der links und rechts "Querstraßen" abzweigen. Autofahrerin B fuhr mit ihrem Skoda aus einer Querstraße auf den Passat zu. Aus Sicht von Herrn A kam sie von rechts. Auf der Kreuzung stießen die Fahrzeuge zusammen.

Frau B forderte von der Kfz-Versicherung des A Schadenersatz für die Reparaturkosten (5.138 Euro). A sei deutlich zu schnell gefahren und habe die Vorfahrt missachtet. Schließlich gelte dort der Grundsatz "rechts vor links". Die Kfz-Versicherung zahlte freiwillig die Hälfte des Betrags. Damit gab sich Frau B jedoch nicht zufrieden und klagte den Restbetrag ein.

Doch das Amtsgericht München ließ sie abblitzen (333 C 16463/13). Für den Unfallschaden hafteten die Beteiligten jeweils zur Hälfte. Also habe die Kfz-Versicherung bereits gezahlt, was Frau B zustehe. Zwar habe sie in der Tat Vorfahrt gehabt, räumte das Amtsgericht ein. Weil die Straßen in diesem Parkhaus ziemlich breit ausgebaut seien, gelte hier wie im Straßenverkehr "rechts vor links", wenn die Vorfahrt nicht anders geregelt sei.

Gleichzeitig bestehe in einem Parkhaus aber in besonderem Maße die Pflicht, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Hier müssten sich alle Verkehrsteilnehmer sehr vorsichtig bewegen. Auf Parkplätzen und in Parkhäusern müssten die Nutzer jederzeit mit ein- und ausparkenden bzw. ein- und ausfahrenden Autos rechnen. Autofahrer dürften sich hier nicht blind auf ihr Vorfahrtsrecht nach der "rechts vor links"-Regel verlassen.

A sei auf der Straße gefahren, die geradeaus durch das Parkhaus führe. Alle Autofahrer müssten sie benutzen, um die Ausfahrt zu erreichen. Deshalb hätte sich Frau B an der fraglichen Kreuzung auf "Begegnungen" einstellen und bremsbereit sein müssen, anstatt auf ihrer Vorfahrt zu bestehen. Daher treffe sie an dem Unfall ein Mitverschulden von 50 Prozent.

"Versicherungs-Testpaket"

Unlautere Geschäftspraxis: Nicht bestelltes Testangebot sollte nach Probephase automatisch kostenpflichtig werden

Achtung: Wenn Post von einer Flight Ambulance Services International Agency GmbH (F.A.S.I.) im Briefkasten liegt, ist Vorsicht geboten!

Ein Verbraucher hatte zuerst von einer anderen Firma einen unerlaubten Werbeanruf erhalten, die ihm ein Zeitschriften-Probeabo andrehte. Mit der Zeitschrift bekam der Mann — ebenfalls unaufgefordert — ein "Geschenk" der "F.A.S.I. Agency". Eine Gratis-Reiseversicherung.

Im Anschreiben teilte das dubiose Unternehmen mit, er sei nun drei Monate lang durch ein Urlaubsreisen-Versicherungspaket kostenlos versichert. Das kostenlose Testangebot sollte allerdings in eine kostenpflichtige Versicherung (Laufzeit: 12 Monate) übergehen, wenn der Empfänger des Schreibens nicht spätestens sechs Wochen vor Ablauf der kostenlosen Testphase schriftlich eine Verlängerung ablehnte. Der Empfänger war von diesem "Geschenk" wenig erbaut und übergab das Schreiben der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Die Verbraucherzentrale mahnte das Unternehmen ab: Die so genannte "F.A.S.I. Agency" bediene sich unlauterer Geschäftsmethoden. Erst bekämen Verbraucher ein Testpaket, obwohl sie nie gefragt wurden, ob sie an der Testphase teilnehmen wollten. Und dann sollten sie einem unerwünschten Vertrag aktiv widersprechen, um der Zahlungspflicht zu entgehen. Dieses Vorgehen täusche die Verbraucher, denn durch Schweigen komme kein Vertrag zustande.

Mit Erfolg verlangte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg von der "Agency", dieses Vorgehen zu unterlassen: Das Landgericht Limburg gab ihr Recht (5 O 30/16). Ein unaufgefordert an Verbraucher versandtes, kostenloses Testangebot dürfe nach Ablauf der Probephase nicht automatisch in einen kostenpflichtigen Vertrag umgewandelt werden. So eine Geschäftspraxis sei unzulässig, so das Landgericht, die Flight Ambulance Services International Agency GmbH müsse damit aufhören.

Pflegekasse muss Hausnotrufsystem mit-finanzieren

Kurzartikel

Ist eine Seniorin trotz ihrer Demenzerkrankung noch in der Lage, in einer altersgerechten Wohnanlage eigenständig zu leben und mit einem Hausnotrufsystem umzugehen, darf es die private Pflegeversicherung nicht ablehnen, sich an dessen Kosten zu beteiligen (mit 30 Prozent unter Berücksichtigung eines Beihilfeanspruchs). Die Pflegekasse kann sich unter diesen Umständen nicht darauf berufen, dass die demente Versicherte die Vorteile dieses Hilfsmittels nicht mehr nutzen kann.

Bei Einbruch Bargeld erbeutet

Wirt ohne Tresor: Die Hausratversicherung muss gestohlenes Bargeld nicht voll ersetzen

Ein Wirt bewahrte in seiner Wohnung, die über dem Restaurant lag, regelmäßig größere Summen auf: Trinkgelder aus dem Restaurantbetrieb. Darauf hatten es wohl die Einbrecher abgesehen, die ihn heimsuchten. Jedenfalls ließen sie das gesamte Bargeld mitgehen.

Als der Restaurantbesitzer seiner Hausratversicherung den Verlust meldete, teilte diese mit, mehr als 1.100 Euro werde er nicht erhalten. So stehe es in den Versicherungsbedingungen: Werde Bargeld nicht im Tresor aufbewahrt, ersetze die Versicherung den Verlust nur bis zu einer Höchstsumme von 1.100 Euro.

Damit fand sich der Wirt nicht ab und verklagte das Versicherungsunternehmen: Die Klausel sei unwirksam, weil für Versicherungsnehmer überraschend. Die Versicherung müsste bei einem Restaurantbesitzer davon ausgehen, dass er Trinkgelder in bar aufbewahre. Zudem habe man ihn bei Vertragsschluss nicht auf diese Regelung hingewiesen, also dürfe sich die Versicherung nicht darauf berufen.

Doch das Oberlandesgericht Oldenburg ließ den Wirt abblitzen (5 U 162/16). Die Versicherung sei nicht verpflichtet, ihre Versicherungsnehmer auf Klauseln im Versicherungsvertrag extra aufmerksam zu machen: Den Vertrag müssten sie schon im eigenen Interesse lesen. Die einschlägige Klausel benachteilige die Kunden nicht und sei auch keineswegs überraschend. Es sei vielmehr naheliegend oder selbstverständlich, dass das Unternehmen den Versicherungsschutz für Bargeld einschränke, das offen und ungeschützt in einer Wohnung herumliege.

Auch einem Laien müsse klar sein, dass er in so einem Fall nicht mit vollem Ersatz rechnen könne. Darüber hinaus handle es sich schon um den zweiten Einbruch beim Wirt, bei dem Bargeld verschwunden sei. Die Hausratversicherung habe auch beim ersten Versicherungsfall nur einen gekürzten Betrag ersetzt. Der Versicherungsnehmer habe die Klausel also kennen müssen.

Rasender Motorradfahrer

Trotz Vorfahrt haftet ein verletzter Raser überwiegend für einen Verkehrsunfall

Ein Motorradfahrer befuhr mit 121 km/h eine (Vorfahrt-)Straße, auf der die zulässige Höchstgeschwindigkeit bei 50 km/h lag. Etwa 250 Meter vor ihm bog ein Autofahrer langsam nach links in die Vorfahrtstraße ein. Der Motorradfahrer bremste zwar und wich aus, konnte jedoch einen Zusammenstoß nicht mehr verhindern. Dabei wurde er schwer verletzt.

Die Krankenkasse des Motorradfahrers forderte vom Autofahrer und dessen Kfz-Haftpflichtversicherung Schadenersatz für die Behandlungskosten: Immerhin habe der Autofahrer die Vorfahrt verletzt. Das Landgericht wies die Klage ab: Der Unfall gehe allein auf das Konto des Motorradfahrers, der das erlaubte Tempo massiv überschritten habe.

Gegen das Urteil legte die Krankenkasse Berufung ein und erreichte beim Oberlandesgericht (OLG) Hamm zumindest einen Teilerfolg (9 U 43/15). Richtig sei, dass der Unfall trotz Vorfahrt überwiegend dem Raser zuzuschreiben sei, räumte das OLG ein. Doch den Autofahrer treffe durchaus eine Mitschuld. Der Motorradfahrer habe das Fahrlicht eingeschaltet gehabt, der Autofahrer hätte ihn vor dem Abbiegen sehen müssen.

Offenbar habe der Autofahrer den Verkehr auf der Vorfahrtstraße nicht ausreichend beachtet. Andernfalls hätte er gesehen, wie schnell das Motorrad unterwegs war. In so einer Situation müsse der Autofahrer entweder sehr zügig anfahren oder mit dem Abbiegen warten, bis der Motorradfahrer vorbei gefahren sei. Auf diese Weise hätte er nach Aussage eines Unfallexperten den Zusammenstoß vermeiden können.

Keinesfalls durfte der Autofahrer mit geringer Geschwindigkeit abbiegen — dieses Fehlverhalten habe zum Verkehrsunfall beigetragen. Das rechtfertige eine Haftungsquote von 70% zu 30% zu Lasten des Motorradfahrers. Das bedeutet: Die Krankenkasse blieb auf 70% der Behandlungskosten sitzen, 30% musste die Kfz-Haftpflichtversicherung des Autofahrers übernehmen.

Heißwasserautomat übergelaufen

Mieter haftet für Schäden am Haus nur, wenn er sie grob fahrlässig oder vorsätzlich verursacht

In einem Duisburger Mietshaus kam es zu einem Wasserschaden im dritten Stock, der zweifelsfrei vom Heißwasserautomaten (bzw. "Kochendwassergerät") der Dachgeschosswohnung im vierten Stock ausging. Die Gebäudeversicherung des Hauseigentümers kam für die Sanierungskosten auf und forderte den Betrag anschließend vom Mieter der Dachgeschosswohnung. Ihre Klage scheiterte beim Landgericht und beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf (I-24 U 164/15).

Für Schäden an der Mietsache oder am Gebäude müssten Mieter nur geradestehen, wenn sie diese entweder vorsätzlich oder grob fahrlässig verursachten, erklärte das OLG. So ein Vorwurf wäre hier allenfalls dann gerechtfertigt, wenn beim Einzug des Mieters ein Überlaufventil am Heißwasserautomaten vorhanden gewesen wäre. Hätte er dieses Sicherheitsventil verloren oder verschlampt, den Verlust weder ersetzt, noch dem Vermieter angezeigt — dann könnte man ihm grob fahrlässiges Verhalten vorwerfen.

Das sei aber nicht bewiesen. Die Versicherung kritisiere, dass der Mieter das Fehlen des Ventils "schuldhaft" nicht gemeldet habe. Das würde allerdings voraussetzen, dass er überhaupt wusste, dass so ein Ventil zu dem Gerät gehört. Es gebe viele unterschiedliche Heißwasserautomaten verschiedener Hersteller. Man könne nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass sich jeder Mieter damit auskenne und bemerke, wenn Teile davon fehlten.

Sehr wahrscheinlich habe der Mieter das — infolge von Verkalkung — sehr schwergängige Zulaufventil des Kochendwassergeräts nicht vollständig zugedreht. Trotzdem könne der Nutzer, eben wegen der Verkalkung, den Eindruck bekommen, das Ventil ganz geschlossen zu haben. So ein Irrtum begründe kein Verschulden, das über eine leichte Fahrlässigkeit hinausginge. Die Versicherung könne ihren Anspruch nicht durchsetzen, weil die konkrete Schadensursache letztlich unklar geblieben sei.

Selbstmörder in Finanznöten

Haftpflichtversicherung: Ein Suizidversuch gehört nicht zu den "Gefahren des täglichen Lebens"

Ein Mann sprang in Selbstmordabsicht aus dem sechsten Stock und überlebte den Sturz schwer verletzt. Im Zusammenhang mit seiner Verzweiflungstat kamen auch Schadenersatzansprüche auf ihn zu. Er wandte sich daher an seine private Haftpflichtversicherung. Weil sich der Versicherer weigerte zu zahlen, kam es zum Rechtsstreit.

Das Oberlandesgericht Hamburg stellte sich auf die Seite der Versicherung (9 W 55/94). Nach dem Versicherungsvertrag umfasse der Versicherungsschutz lediglich Gefahren des täglichen Lebens. Risiken, die Versicherungsnehmer freiwillig auf sich nehmen, indem sie einer "ungewöhnlichen" oder "gefährlichen Beschäftigung" nachgehen, seien vom Versicherungsschutz ausgenommen.

Ein Selbstmordversuch weiche so weit von allgemeinen Regeln und üblichem Verhalten ab, dass er jedenfalls nicht als "Verwirklichung einer Gefahr des täglichen Lebens" anzusehen sei. Die Versicherung müsse deshalb nicht für den Schaden aufkommen.

Einbruch bei gekipptem Fenster

Versicherung muss den Verlust wegen grober Fahrlässigkeit des Versicherungsnehmers nicht ersetzen

Ein Mann bekam nach einem Einbruch in seine Erdgeschosswohnung Streit mit seiner Hausratversicherung. Diese weigerte sich, den Wert der gestohlenen Gegenstände zu ersetzen. Der Dieb konnte nämlich problemlos durch ein gekipptes Fenster einsteigen, nachdem er von außen den Fensterhebel umgelegt hatte. So habe der Versicherungsnehmer den Einbrecher geradezu eingeladen, fand der Versicherer.

Vor Gericht räumte der Bestohlene ein, dass er die Wohnung gegen 10.00 Uhr verlassen hatte und erst gegen 14.00 Uhr zurückgekommen war. Das Fenster habe er bewusst gekippt gelassen, weil sonst in der Wohnung eine muffige Luft entstehe. Die könne er wegen seiner Asthmakrankheit nicht ertragen. Das Amtsgericht Hattingen entschied, dass die Versicherung den Schaden nicht regulieren muss (21 C 60/93).

Eine Erdgeschosswohnung bei gekipptem Fenster mehrere Stunden zu verlassen, sei grob fahrlässig, erklärte der Amtsrichter: Dass sich ein gekipptes Fenster leicht von außen öffnen lasse, sei allgemein bekannt. Zum Problem der schlechten Luft hatte der Amtsrichter auch einen Tipp parat: Wenn bei geschlossenem Fenster die Wohnung muffig rieche, dann sei es am besten, das Fenster ein paar Minuten lang ganz zu öffnen. So erreiche man einen wesentlich intensiveren Luftaustausch als mit einem ständig gekippten Fenster.

Versehentlich die Sauna in Brand gesetzt

Hausratversicherung darf ihre Leistung wegen grober Fahrlässigkeit der Versicherungsnehmerin um 60 Prozent kürzen

Ihre Sauna im Keller des Einfamilienhauses hatte die Hauseigentümerin schon seit fünf Jahren nicht benutzt. Dann lagerte sie hier während eines Umbaus Gegenstände ein. Eines Abends suchte die Frau im Keller nach einer Vase und stellte fest, dass die Sicherung der Sauna im Sicherungskasten nicht mehr ausgeschaltet war. Das waren wohl die Bauarbeiter, dachte sie. Dann schaltete die Frau in der Sauna das Licht an. Angeblich, ohne den Temperaturschalter oder den An-/Ausschaltknopf zu berühren.

Bei der Fahndung nach der Vase legte sie einige Gegenstände auf den Saunaofen. Dann rief Tochter T nach ihr, die sie zum Leichtathletiktraining fahren sollte. Vorher nahm die Hauseigentümerin die Vase aus einem Karton, schaltete das Licht aus und verließ den Keller.

Etwa eine halbe Stunde später kam die ältere Tochter S nach Hause, bemerkte Rauch im Keller und rief die Feuerwehr. Diese löschte das Feuer und ortete den Brandherd beim Saunaofen. Zuerst waren die dort abgelegten Sachen in Brand geraten, schließlich hatte die Sauna Feuer gefangen. Der Temperaturschalter stand auf Stellung "1/3".

Die Hausratversicherung ersetzte nur 40 Prozent des Brandschadens, weil die Versicherungsnehmerin sich grob fahrlässig verhalten habe. So sah es auch das Oberlandesgericht Hamm: Es wies die Klage der Hauseigentümerin auf vollen Schadenersatz ab (20 U 219/15). Gegenstände auf den Saunaofen zu legen, sei äußerst leichtsinnig. Vor dem Verlassen des Kellers hätte die Versicherungsnehmerin den Ofen wieder abräumen und die Stromzufuhr zur Sauna im Sicherungskasten erneut unterbrechen müssen.

Sie habe gewusst, dass die Sicherung eingeschaltet war. Also hätte der Hauseigentümerin auch klar sein müssen, dass die Sachen auf dem Saunaofen in Brand geraten könnten, wenn sie die Sicherung nicht ausschaltete. Auch das wäre aber als Vorsichtsmaßnahme unzureichend gewesen. Denn der Sicherungskasten konnte nach Jahren der Nichtbenutzung funktionsunfähig sein und einen Kurzschluss auslösen. Daher hätte sie alle Schalter prüfen und gegebenenfalls ausschalten müssen.

Hier sei kein Gesichtspunkt ersichtlich, der das grob fahrlässige Handeln der Versicherungsnehmerin in einem milderen Licht erscheinen ließe. Etwas abgelenkt durch ihre Tochter, habe sie trotz der behaupteten großen Eile noch Zeit genug gefunden, in der Sauna zu herumzukramen, bis sie die Vase fand. Sie habe keineswegs "sofort alles stehen und liegen lassen", sondern sogar noch das Licht ausgeschaltet. Es hätte nur wenige Sekunden mehr gedauert, auch noch Einschaltknopf und Temperaturschalter der Sauna zu kontrollieren und die Sicherung aus dem Schalterkasten zu nehmen.

Im Urlaub überfallen

Muss die Reiseversicherung einspringen, wenn dem Reisenden Reisepass und Flugticket geraubt werden?

Ein chilenischer Staatsbürger, der in Deutschland lebt, unternahm 2015 eine Reise in die Heimat. Als er sich in Chile am Ende des Urlaubs auf den Weg zum Flughafen machte, wurde er unterwegs überfallen und ausgeraubt. Die Räuber nahmen ihm den Reisepass und das Flugticket ab. Daher konnte der Mann den Rückflug nach Deutschland nicht antreten, musste sich ein neues Flugticket und einen neuen Reisepass besorgen.

Viel Ärger, viel Bürokratie. Und obendrein musste der Reisende rund 1.800 Euro ausgeben. Diesen Betrag wollte er nach seiner Rückkehr von der Reiseversicherung ersetzt bekommen. In deren Versicherungsbedingungen stand: Wenn der Versicherungsnehmer während der Reise durch strafbare Handlungen "erhebliche Schäden am Eigentum" erleide, seien diese mitversichert.

Das Amtsgericht sah diesen Fall als gegeben an und bejahte die Einstandspflicht des Reiseversicherers. Doch das Versicherungsunternehmen legte gegen das Urteil Berufung ein und hatte damit beim Landgericht Hildesheim Erfolg (7 S 136/16). Der Diebstahl von Reiseunterlagen und Ausweispapieren sei nicht versichert, so das Landgericht. Damit liege nämlich kein erheblicher Schaden "unmittelbar am Eigentum der versicherten Person vor".

Der reine Sachwert der Papiere — und nur darauf komme es hier an — sei gering. Zwar habe der Urlauber nach dem Überfall eine Menge Ausgaben gehabt: Das seien aber reine Folgekosten und Folgekosten seien nicht vom Versicherungsschutz umfasst.

Klingt ein wenig lebensfremd, den Verlust nicht als Vermögensschaden einzustufen, kostet es doch viel Geld, die notwendigen Papiere wieder zu beschaffen.

Unfallgeschädigte kann Reparatur nicht vor-finanzieren

Kfz-Haftpflichtversicherung muss Kostenübernahme innerhalb der 130-Prozent-Grenze zusichern

Bei einem Verkehrsunfall war ihr alter Wagen demoliert worden. Anschließend musste sich die Autobesitzerin mit der gegnerischen Kfz-Haftpflichtversicherung herumschlagen. Vergeblich verlangte sie von der Versicherung, ihr die Übernahme der Reparaturkosten zuzusichern: Bisher habe sie das Auto nicht reparieren lassen, weil sie nicht zahlen könne. Die Werkstatt habe aber zugesagt, den Wagen im Rahnen der Kostenangaben des Sachverständigen instandzusetzen (7.500 Euro).

Dieser Betrag liege weit über dem Wiederbeschaffungswert für das alte Auto, teilte das Versicherungsunternehmen mit: Für Kosten, die den "erforderlichen Aufwand" übersteigen, gebe es vor der Reparatur keine Zusage. Damit war das Oberlandesgericht Frankfurt nicht einverstanden: Es gab der Autobesitzerin Recht (22 U 89/14).

Ein Unfallgeschädigter dürfe auch höhere Kosten aufwenden, wenn er am Wagen "hänge" und ihn weiterverwenden möchte (Juristen nennen das "Integritätsinteresse"). Die obere Grenze dafür liege bei 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts. Allerdings setze diese Lösung voraus, dass das Auto fachgerecht repariert und anschließend ein halbes Jahr lang weiterbenutzt werde. Allein die Absicht des Unfallgeschädigten, den Wagen reparieren zu lassen, genüge in der Regel für diese Art der Abrechnung nicht.

Auch von dieser Regel gebe es aber eine Ausnahme: Wenn der Unfallgeschädigte glaubhaft mache, das Auto reparieren zu wollen und nur mangels eigener Geldmittel keinen Auftrag dafür erteilt zu haben, sei es gerechtfertigt, ihm/ihr den Zuschlag zuzugestehen. Und so liege der Fall hier: Die Werkstatt habe bescheinigt, dass die Reparatur nur wegen fehlender Deckung von der Versicherung unterblieben sei. Sie würde jedoch die Reparatur auf Gutachtenbasis durchführen, sobald die Deckung vorliege.

Hätte die gegnerische Versicherung die Kostenübernahme bestätigt, wäre das Auto also längst instandgesetzt. Die Voraussetzungen für Reparatur und Abrechnung auf Grund der 130-Prozent-Regelung lägen unstrittig vor: Laut Gutachten lägen die Reparaturkosten bei 7.500 Euro, während die obere Kostengrenze, also 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts, erst bei einem Betrag von 8.400 Euro erreicht wäre.

Berufsunfähigkeitsrente zu spät beantragt

Wer länger als ein halbes Jahr krankgeschrieben ist, muss von Berufsunfähigkeit ausgehen

Seit Sommer 2011 war eine Hauswirtschafterin ununterbrochen krankgeschrieben. Obwohl sie sich einigen Operationen unterziehen musste, gab sie die Hoffnung nicht auf, wieder arbeiten zu können. Erst im Frühjahr 2014 wandte sie sich an den Versicherer, bei dem sie eine Lebensversicherung plus Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung abgeschlossen hatte. Sie beantragte Berufsunfähigkeitsrente und Befreiung von den Beiträgen ab August 2011.

Doch das Unternehmen verwies auf eine Klausel in den Versicherungsbedingungen: Versicherungsnehmer müssten Berufsunfähigkeit sofort anzeigen, spätestens drei Monate, nachdem sie eingetreten sei. Nachträglich könnten sie ihren Rentenanspruch nicht geltend machen. Versicherungsleistungen erhalte die Versicherungsnehmerin daher erst ab dem Zeitpunkt der Meldung, also ab Mai 2014. Vergeblich verwies die Frau auf die günstigen ärztlichen Prognosen, auf die sie vertraut habe. Ihrer Ansicht nach hatte sie es daher im Juli 2011 nicht schuldhaft versäumt, die Berufsunfähigkeit zu melden.

Die Klage der Versicherungsnehmerin auf Leistungen von August 2011 bis April 2014 scheiterte beim Landgericht und beim Oberlandesgericht (OLG) Koblenz (10 U 910/15). Unabhängig von ärztlichen Prognosen vor und nach den Operationen hätte die Hauswirtschafterin nach sechs Monaten Krankheit in Betracht ziehen müssen, berufsunfähig zu sein. Dann hätte sie bei der Versicherung sofort einen entsprechenden Antrag stellen müssen, erklärte das OLG.

Die einschlägigen Klauseln in den Versicherungsbedingungen seien eindeutig und unmissverständlich: Wenn ein Versicherter wegen Krankheit ein halbes Jahr ununterbrochen außerstande sei, seinen Beruf auszuüben und dieser Zustand andauere, sei dies als Berufsunfähigkeit anzusehen. Das sei sofort zu melden und zwar auch dann, wenn Mediziner immer wieder baldige Genesung in Aussicht stellten.

Bei der Deutschen Rentenversicherung habe die Frau Reha-Leistungen beantragt, um sich wieder in das Berufsleben eingliedern zu lassen. Sie strebte offenbar ernsthaft an, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Das zeige aber auch, dass sie aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Offenbar sei sie in der Zeit vor diesem Antrag berufsunfähig gewesen. Unter solchen Umständen seien Versicherungsnehmer verpflichtet, dies dem Versicherungsunternehmen mitzuteilen. Nur so könnten sie ihren Rentenanspruch sichern.

Unfallanzeige mit unbeantworteten Fragen

Versicherungsnehmerin beantragt Leistungen und verschweigt die Existenz einer zweiten Unfallversicherung

Seit 1992 ist Frau K bei der A-Versicherung privat unfallversichert. Im Juni 2008 meldete sie dem Unternehmen zwei Unfälle, bei denen beide Daumen verletzt wurden. Die Frage nach weiteren Unfallversicherungen im Unfallanzeige-Formular beantwortete Frau K nicht. Wie sich später herausstellte, füllte sie am selben Tag eine zweite Unfallanzeige aus: für ihre Unfallversicherung bei der H-Versicherung, bei der sie dieselben Unfälle anzeigte.

2009 erhielt die Versicherungsnehmerin von der A-Versicherung 8.192 Euro als Invaliditätsleistung für die Daumen. Die Summe sei bei weitem zu niedrig, fand Frau K. Nach einigen Schreiben hin und her und einem für Frau K ungünstigen medizinischen Gutachten verweigerte jedoch die A-Versicherung 2011 jede weitere Zahlung: Inzwischen hatte sie vom Vertrag bei der H-Versicherung erfahren.

Nun zog die Versicherungsnehmerin vor Gericht, um mehr Geld herauszuholen. Die Frage nach weiteren Versicherungen habe sie "versehentlich" unbeantwortet gelassen, behauptete sie. Das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz glaubte ihr kein Wort und wies die Klage ab (10 U 778/15). Wer die Frage nach weiteren Verträgen offen lasse, verletze seine Pflicht, die Unfallanzeige wahrheitsgemäß und vollständig auszufüllen. Das beeinträchtige die Interessen des Unfallversicherers, weil in so einem Fall der Verdacht auf manipulierte Unfälle naheliege.

Daher müsse die A-Versicherung nichts mehr zahlen. Von einem Versehen könne hier keine Rede sein. Frau K habe an einem Tag Unfallanzeigen für beide Versicherungsunternehmen ausgefüllt. Angesichts dessen erscheine es wenig glaubhaft, dass sie den anderen Vertrag vergessen haben könnte. Im Gegenteil: Sie habe ja auch in der Unfallanzeige bei der H-Versicherung diese Frage offen gelassen. Frau K habe also den jeweils anderen Vertrag absichtlich verschwiegen.

Vergeblich pochte Frau K darauf, der Versicherer hätte doch nachfragen können. Das kam beim OLG gar nicht gut an: Um sachgemäße Entscheidungen zu treffen, müsse sich eine Versicherung darauf verlassen, dass die Versicherungsnehmer von sich aus korrekte Angaben machten. Wer das nicht tue, könne sich nicht nachträglich darauf berufen, der Versicherer hätte den wahren Sachverhalt ja trotzdem irgendwie in Erfahrung bringen können.

Marathonläufer im Rollstuhl

Ein dreister Versuch, die Berufsunfähigkeitsversicherung zu hintergehen, wird mit Kündigung bestraft

Ein Filmfan ist der Marathonläufer wohl nicht. Sonst hätte er vielleicht den Hollywood-Klassiker "Der Glückspilz" mit Jack Lemmon und Walter Matthau gesehen. Dann hätte er gewusst, wie schwierig es ist, als gesunder Mensch im Rollstuhl den Gelähmten zu mimen und Versicherungsagenten hinters Licht zu führen. Das gilt erst recht, wenn man es den Leuten ganz einfach macht und im Internet posiert …

Im konkreten Fall wollte ein Küchenmonteur seine Berufsunfähigkeitsversicherung täuschen. Nach einem Unfall bekam er zunächst Leistungen wegen Berufsunfähigkeit. Aber klar: Einige Zeit später schickte das Versicherungsunternehmen einen Mitarbeiter, um den Gesundheitszustand des Versicherungsnehmers zu überprüfen. Bei dem Treffen saß der Mann im Rollstuhl und erklärte, er leide unter schlimmen Schmerzen.

Doch dem Versicherungsagenten fiel auf, wie sportlich-gestählt der Körper des Rollstuhlfahrers aussah. Das wollte so gar nicht zur Leidensgeschichte passen. Bei einer Internetrecherche wurde der Versicherungsmitarbeiter schließlich fündig: Er staunte nicht schlecht über aktuelle Bilder, auf denen der Rollstuhlfahrer als erfolgreicher Marathonläufer posierte! Um ganz sicher zu gehen, schickte die Versicherung dem Monteur einen Detektiv ins Haus, der sich als potenzieller Kunde tarnte. Klar könne er ihm seine Küche einbauen, versicherte der Schmerzensmann.

Daraufhin kündigte die Versicherung den Versicherungsvertrag. Vergeblich setzte sich der Versicherungsnehmer dagegen zur Wehr: Das Oberlandesgericht Oldenburg wies seine Klage ab (5 U 78/16). Wenn ein Versicherungsnehmer so dreist versuche, die Versicherung zu hintergehen, sei eine fristlose Kündigung zweifellos berechtigt.

Das Versicherungsunternehmen habe den Mann auch nicht abmahnen und warten müssen, ob er sich künftig vertragsgerecht verhalten werde. Denn das Vertragsverhältnis fortzusetzen, sei unter diesen Umständen für das Unternehmen nicht zumutbar. So ein Betrugsversuch erschüttere das Vertrauen in die Redlichkeit des Versicherungsnehmers ein für allemal.

Auf winterglatter Autobahn ins Schleudern geraten

Ein Autofahrer landet wegen des schleudernden Wagens vor ihm an der Leitplanke: Haftungsteilung?

Im Februar 2013 herrschten winterliche Verhältnisse, die Autobahn war glatt. Autofahrer A kam mit seinem Wagen ins Schleudern. Ob er zuvor das Fahrzeug des B überholt hatte, war hinterher nicht mehr zu klären: B behauptete es, A bestritt es. Jedenfalls lenkte der nachfolgende Fahrer B sein Auto von der rechten Fahrspur nach rechts auf den Standstreifen, um dem schleudernden Wagen auszuweichen.

B schrammte mit der rechten Fahrzeugseite an der Leitplanke entlang. Kurz vor dem Wagen des A, der frontal gegen die Leitplanke geprallt war, brachte B sein Auto zum Stehen. Von der Kfz-Haftpflichtversicherung des A forderte B die Reparaturkosten ersetzt.

Doch die Versicherung weigerte sich zu zahlen: Es habe keine Kollision stattgefunden. Ob ihr Versicherungsnehmer den Unfall des Herrn B mit-verursacht habe, sei völlig offen. Eventuell sei B selbst zu schnell gefahren.

Mit dieser Auskunft gab sich B nicht zufrieden und verklagte das Versicherungsunternehmen. Zu Recht, entschied das Oberlandesgericht Frankfurt (22 U 89/14). Da der Wagen von A ohne sichtbaren Anlass auf glatter Straße ins Schleudern geriet, spreche der äußere Anschein für einen Fahrfehler des A: überhöhte Geschwindigkeit oder Unaufmerksamkeit. Fest stehe, dass der schleudernde Wagen vor ihm B zu einem Ausweichmanöver veranlasste.

Wenn B’s Version des Unfallhergangs zutreffe, sei das Fahrzeug des A vor seinem Auto eingeschert. Unter diesen Umständen sei B keine andere Wahl geblieben als auszuweichen, weil er den nötigen Sicherheitsabstand nicht mehr hätte herstellen können. Ein Fahrfehler des B, der zum Unfall beigetragen hätte, sei nicht bewiesen.

Weder die polizeilichen Ermittlungen, noch die Aussagen der Zeugen hätten dazu ausreichende Anhaltspunkte ergeben. Spuren auf der Fahrbahn habe man nicht feststellen können. Gewiss sei dagegen, dass die Fahrweise von A entscheidend zum Unfall beigetragen habe. Daher sei B’s eventueller Anteil am Unfall zu vernachlässigen. Die Versicherung des A müsse die Reparaturkosten des B in voller Höhe übernehmen.

Wenn Grubber auf Gülletransporter trifft

Ist die Straße zu schmal für eine problemlose "Begegnung", müssen Traktorfahrer anhalten und sich absprechen

Auf einer 5,8 Meter breiten Dorfstraße begegneten sich ein Traktor mit angehängtem Grubber und ein Traktor mit angehängtem Gülletransporter. Die Anhänger mit den landwirtschaftlichen Arbeitsgeräten waren 2,85 Meter und 3,03 Meter breit. Mit 35-40 km/h bzw. ca. 30 km/h fuhren die Traktoren aufeinander zu. Als sie fast auf gleicher Höhe waren, lenkte Fahrer E sein Grubber-Gespann auf den Grünstreifen neben der Straße. Dabei geriet der Reifen des Traktors in eine Bodenmulde, das Gespann kippte um.

Der Landwirt, dem das beschädigte Gespann gehörte, verlangte Schadenersatz von der Haftpflichtversicherung des Landwirts, der den Gülletransporter gelenkt hatte. Die Versicherung müsse die Hälfte des Schadens ersetzen, entschied das Oberlandesgericht Hamm (I-9 U 59/14). Auch wenn sich die Gespanne nicht berührt haben: Ihre Begegnung habe das Ausweichmanöver und damit den Unfall ausgelöst. Dazu hätten beide Fahrer in gleichem Maß beigetragen, deshalb müssten die Kfz-Halter jeweils zur Hälfte für die Folgen haften.

Die Traktorenlenker seien sehr zügig gefahren. Dabei hätten sie leicht erkennen können, dass die Gespanne auf dieser schmalen Straße nicht ohne weiteres aneinander vorbeikommen würden. Selbst wenn beide Fahrer auf die 20 Zentimeter breiten Bankette ausgewichen wären, hätten sie nicht gleichzeitig passieren können. Dabei komme es gerade bei solchen Arbeitsgeräten auf ausreichend Seitenabstand an. Das Gespann aus Traktor und Grubber sei schon wegen des kurzen Radstands instabil und schwanke leicht.

In so einer Situation müssten beide Traktorenlenker bremsen und besonders vorsichtig fahren. Notfalls müssten sie anhalten und sich darüber verständigen, wer stehenbleibe und wer langsam weiterfahren solle. Nach diesem Maßstab hätten sich beide Fahrer falsch verhalten. Eine Geschwindigkeit von 30 km/h oder mehr lasse auf so einer Straße keine angemessene Reaktion mehr zu. Jeder habe darauf vertraut, dass der andere schon Platz machen werde.

Kind vom Auto angefahren

Elfjährige erschrickt vor einem Hund und läuft vor ein Auto: Kein Mitverschulden am Unfall

Ein elfjähriges Mädchen ging zu Fuß zur Bushaltestelle — am linken Rand einer (etwa 3,50 Meter breiten) Sackgasse ohne Gehwege. Ein Auto kam dem Kind in langsamer Geschwindigkeit entgegen. Als das Mädchen am Garten der Familie K vorbei ging, sprang plötzlich deren Hund gegen den Maschendrahtzaun und bellte laut los.

Das Kind hatte das Tier vorher nicht bemerkt, wich erschreckt zurück und stieß gegen den Außenspiegel des vorbeifahrenden Wagens. Im Sturz geriet das Mädchen mit einem Bein unter das Auto und erlitt einen Unterschenkelbruch.

Im Namen des Kindes verklagten die Eltern den Autofahrer und seine Kfz-Haftpflichtversicherung auf Schmerzensgeld. Das Landgericht Konstanz sprach dem Mädchen 3.000 Euro zu. Dagegen wehrte sich der Autofahrer, der jede Schuld von sich wies: Das Kind sei doch direkt gegen seinen Opel gelaufen.

Doch das Oberlandesgericht Karlsruhe bestätigte die Entscheidung des Landgerichts (9 U 9/14). Unabhängig von Schuldfragen müssten Autofahrer (bzw. die Versicherung) für Schäden haften, die durch den Betrieb des Fahrzeugs entständen. Im Übrigen sei ein gewisses Verschulden des Opelfahrers hier gar nicht ausgeschlossen: Er sei zwar langsam gefahren, aber mit zu geringem Seitenabstand zur Fußgängerin. In der schmalen Gasse hätte er besser angehalten, um das Kind passieren zu lassen.

Das verletzte Mädchen treffe keine Mitschuld an dem Unfall, obwohl feststehe, dass es einen schnellen Schritt in Richtung Auto machte. Denn das sei eine Schreckreaktion gewesen, ein Reflex. Viele Menschen würden in dieser Situation so reagieren. Nachträglich könne man zwar feststellen, dass es sich um eine objektiv falsche Reaktion handelte, weil das Kind dadurch mit dem Auto zusammenstieß.

Aber wenn ein großer Hund unvermittelt belle und gegen den Zaun springe, werde das automatisch als Angriff wahrgenommen. Im ersten Schreck könne man so eine Situation nicht klar analysieren: Hält der Zaun den springenden Hund ab oder besteht echte Gefahr? Von Verschulden könne in so einer Situation keine Rede sein.

Multiresistente Keime zu spät behandelt

Klinik muss der Krankenversicherung einer Patientin trotz grober Fehler die Behandlungskosten nicht ersetzen

Eine 1940 geborene, herzkranke Frau hatte sich bereits 2006 in einem Krankenhaus mit multiresistenten Keimen infiziert (MRSA-Infektion). Der Klinik, in der sie 2007 behandelt wurde, war das bekannt. In einem dritten Krankenhaus erhielt die Patientin 2007 einen Bypass und wurde dann in die Klinik zurückverlegt. Dort führten die Ärzte bei der Wiederaufnahme der Patientin kein MRSA-Screening durch. Prompt infizierte sich die Operationswunde der Patientin wieder mit MRSA, doch ein Wundabstrich erfolgte erst Tage später.

Ohne eine Antibiotikatherapie einzuleiten, schickte die Klinik die Frau zur weiteren Heilbehandlung in ein viertes Krankenhaus. Irgendwann wurde es der Patientin und vor allem ihrer gesetzlichen Krankenkasse zu bunt. Die Versicherung ließ sich die Ansprüche der Herzkranken gegen die Klinik übertragen und klagte auf Ersatz von 14.800 Euro Behandlungskosten: Durch die groben Behandlungsfehler seien zusätzliche Kosten entstanden.

Das Oberlandesgericht Hamm verneinte einen Anspruch auf Schadenersatz, obwohl es durchaus — sachkundig beraten —"sehr grobe Fehler" der beklagten Klinik beanstandete (26 U 50/15). Da die Patientin schon 2006 eine MRSA-Infektion erlitten habe, hätte die Klinik bei der Wiederaufnahme unbedingt ein MRSA-Screening vornehmen müssen. Sobald die Wundinfektion feststand, hätte man einen Abstrich machen und umgehend eine gezielte Therapie beginnen müssen.

Aufgrund dieser Fehlerkette bei Diagnose und Behandlung könnte eventuell die Patientin Schmerzensgeld beanspruchen. Doch der gesetzlichen Krankenversicherung stehe kein Schadenersatz zu, weil ihr kein finanzieller Schaden entstanden sei. Zwar sei aufgrund der Fehler die notwendige antibiotische Behandlung 13 Tage zu spät begonnen worden. Doch die Rechnung für eine Antibiotikatherapie in der Klinik wäre mindestens genauso hoch ausgefallen wie die Behandlungskosten, für die die Krankenkasse nun Schadenersatz fordere.

Panne: Wohnwagen vom Autobahn-Parkplatz geklaut

Teilkaskoversicherung muss bei Diebstahl auf dem Autobahn-Parkplatz zahlen

Auf der Rückreise aus Ungarn hatte ein Urlauber am Wohnwagen einen Reifenschaden und stellte den Anhänger auf dem nächsten Parkplatz an der Bundesautobahn ab. Der ADAC-Pannendienst hatte keinen passenden Ersatzreifen und konnte ihm nicht helfen. Deshalb ließ der Mann den Anhänger stehen und fuhr, ohne Vorkehrungen gegen Diebstahl zu treffen, im Pkw mit der Familie nach Hause. Am nächsten Tag wollte der Mann mit einem Ersatzrad zurückkehren - so der Plan. Der Wohnwagen wurde jedoch gestohlen.

Die Teilkaskoversicherung weigerte sich, für den Verlust aufzukommen. Ihrer Ansicht nach hatte sich der Versicherungsnehmer grob fahrlässig verhalten. Daraufhin verklagte der Mann die Versicherung auf Schadenersatz und bekam vom Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt Recht (1 U 143/93). Ein Reifenschaden beeinträchtige die Verkehrssicherheit des Wohnwagens erheblich, also habe der Autofahrer den Anhänger auf schnellstem Weg aus dem Verkehr ziehen müssen.

Besondere Vorsichtsmaßnahmen gegen Diebstahl könne er an der Autobahn gar nicht treffen, fand das OLG. Der Pannendienst des ADAC habe den Schaden nicht beheben können. Und wegen der Kinder im Pkw sei es für den Familienvater nach der langen Reise auch nicht zumutbar gewesen, in der Umgebung nach einer Gelegenheit zum Kauf eines Ersatzrades zu suchen. Von "grob fahrlässigem" Verhalten des Versicherungsnehmers - das die Versicherung dazu berechtigte, die Leistung zu verweigern - könne daher keine Rede sein.

Selbstbehalt in der Krankenversicherung

Sind Krankheitskosten vom Versicherten selbst zu tragen, weil er Selbstbehalt vereinbart hat, gibt’s dafür keinen Steuerabzug

Mit einer privaten Krankenversicherung hatte ein Familienvater für sich und seine Töchter einen Tarif mit Selbstbehalt vereinbart. Dafür zahlte er geringere Versicherungsbeiträge. Die Krankheitskosten, die er deswegen übernehmen musste, wollte er bei seiner Einkommensteuererklärung steuermindernd geltend machen.

Diese Kosten als Sonderausgaben von der Steuer abzuziehen, komme nicht in Frage, erklärte das Finanzamt. So sah es auch das Finanzgericht Köln und wurde vom Bundesfinanzhof (BFH) bestätigt (X R 43/14). Einerseits seien Krankheitskosten zwar eine außergewöhnliche Belastung für den Steuerpflichtigen, räumte der BFH ein.

Andererseits überstiegen die Ausgaben wegen der hohen Einkünfte des Steuerzahlers die zumutbare Eigenbelastung nicht. Daher sei der Selbstbehalt steuerlich nicht zu berücksichtigen. Der Steuerzahler könne sich auch nicht darauf berufen, dass laut Verfassung das Existenzminimum steuerfrei bleiben müsse. Denn dieser Verfassungsgrundsatz garantiere keinen Lebensstandard auf Sozialversicherungsniveau, sondern nur den Lebensstandard auf Sozialhilfeniveau.