Ärzteteam verkennt Hirnstamminfarkt

CT ohne Neurologen analysiert: Sohn der verstorbenen Patientin erhält Schmerzensgeld

onlineurteile.de - Seit 2002 war die 1934 geborene Patientin mehrmals wegen ihrer Herzerkrankung in einem Krankenhaus behandelt worden. 2005 wurde sie erneut dort eingeliefert — als Notfall mit Lähmungserscheinungen an einer Seite des Körpers. Bei der Ankunft in der Klinik war die Frau bereits bewusstlos und erlitt einen Krampfanfall. Die behandelnden Ärzte ließen eine Computertomographie anfertigen.

Das Bildmaterial werteten sie anschließend im Team aus, ohne einen Neurologen hinzuzuziehen. Der Spezialist hätte wohl festgestellt, dass die Frau einen massiven Hirnstamminfarkt (eine Sonderform des Schlaganfalls) erlitten hatte — das Ärzteteam erkannte ihn nicht, jedenfalls nicht bei der ersten Analyse des Bildmaterials. Und so nahm die Krankheit den schlimmstmöglichen Verlauf.

Die Patientin entwickelte das so genannte Locked-in-Syndrom: Sie war wach, sah, hörte und verstand alles, war aber gelähmt. Außer ihren Augen konnte die Frau nichts mehr bewegen. Das blieb so, bis sie ein halbes Jahr später starb. Ihr Sohn und Erbe verklagte das Krankenhaus und den Chefarzt der betreffenden Abteilung auf Schmerzensgeld: Wären die nötigen Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet worden, könnte seine Mutter noch leben.

So sah es auch das Oberlandesgericht (OLG) Hamm, beraten von medizinischen Sachverständigen (3 U 122/12). Es sprach dem Sohn 50.000 Euro Schmerzensgeld zu. Sofort, am Tag der Aufnahme in die Klinik, hätte das Ärzteteam einen Neurologen die Computertomographie beurteilen lassen müssen. Das zu unterlassen, sei ein grober Behandlungsfehler gewesen, erklärte das OLG.

Ein Neurologe sei darauf spezialisiert, solches Bildmaterial auszuwerten und hätte mit Sicherheit den Hirnstamminfarkt erkannt. Wenn ein Hirnstamminfarkt innerhalb von zwölf Stunden nach seinem Auftreten richtig behandelt werde, könne man schwere Lähmungen — also das besagte Locked-in-Syndrom — verhindern.

Um sich zu entlasten, hätten die Beklagten beweisen müssen, dass so gravierende Folgen des Hirnstamminfarkts sogar dann eingetreten wären, wenn sie mit den Gegenmaßnahmen früher begonnen hätten. Nach Ansicht des OLG ist ihnen das nicht gelungen. Krankenhaus und Chefarzt haben gegen das Urteil Berufung eingelegt.