Auch bei Pferden gibt es Operationsrisiken

Tierarzt muss so aufklären, dass der Tierhalter Behandlungskosten und den Wert des Tieres abwägen kann

onlineurteile.de - Der wertvolle Hengst "Chronograph" sollte seiner Männlichkeit beraubt werden. Bis zum Abend vor der Kastration wurde in der Tierklinik der Hengst mit "Schlappfutter" ernährt, um den Darm zu entlasten. Im Zusammenhang mit der Operation trat unerwartet eine Blinddarmentzündung auf. Sie führte zum Tode des Tieres - eine sehr seltene Komplikation. Die Tierhalterinnen machten die Tierärzte hierfür verantwortlich und verlangten Schadenersatz.

Beim Oberlandesgericht München scheiterten sie mit ihrer Klage (1 U 2308/03). Der Sachverständige konnte keinen Behandlungsfehler finden, Eingriff und Vorbereitung seien fachgerecht gewesen. Die Hungerphase vom Vorabend bis zur Operation sei üblich. Das vorher verabreichte Schlappfutter (dreimal 4 Liter) reiche aus, um eine Umstellung der Bakterienflora im Blinddarm zu verhindern. Falsche Fütterung sei also auch nicht festzustellen. Ob sie speziell diese Komplikation hätte auslösen können, stehe sowieso nicht zu 100 Prozent fest.

Wie in den meisten Arzthaftungsfällen blieb als zweiter Angriffspunkt die mangelhafte Information über Behandlungsrisiken übrig. Die Richter wiesen darauf hin, dass in der Tiermedizin andere Grundsätze für die Aufklärung vor einer Operation gelten als in der Humanmedizin. Beim menschlichen Patienten gehe es um dessen Selbstbestimmungsrecht, beim Tier vor allem um wirtschaftliche Interessen des Tierhalters. Der Tierarzt müsse ihn über die Risiken des Eingriffs informieren, damit der Auftraggeber Erfolgsaussichten und Behandlungskosten im Verhältnis zum materiellen oder ideellen Wert seines Tieres setzen und abwägen könne. Pflichtwidriges Handeln des Tierarztes müsse - anders als bei der Humanmedizin - der Auftraggeber beweisen.

Im konkreten Fall war die Kastration nicht dringlich und der Wert des Hengstes hoch gewesen. Aber die Besitzerinnen konnten ihre Vorwürfe nicht belegen: Welche Information der Tierarzt ihnen vorenthielt, auf Grund derer sie den Eingriff abgelehnt hätten, blieb offen. Er hatte mit den Besitzerinnen über allgemeine Operationsrisiken wie Blutung, Infektion und das Narkoserisiko gesprochen. Dass er das Risiko bei endoskopischem Vorgehen als sehr gering bezeichnet hatte, beanstandeten die Richter nicht. Denn nur 0,9 Prozent der Pferde sterben bei vergleichbaren Eingriffen, wie ein Sachverständiger bestätigte.