Auffahrunfall und Schuldfrage

Beim Aufprall nach einem Spurwechsel gilt der Auffahrende nicht automatisch auch als der Schuldige

onlineurteile.de - An einer großen Kreuzung mit mehreren Fahrspuren standen zwei Autos nebeneinander. Als die Ampel von "Rot" auf "Grün" schaltete, fuhren sie beinahe gleichzeitig los. Fahrer X überholte Fahrerin Y und wechselte dann auf ihre Fahrspur. Was dann geschah, war umstritten: X behauptete, er sei mindestens acht Sekunden auf diesem Fahrstreifen gefahren, als er wegen Wildschweinen auf der Fahrbahn stark bremsen musste. Dann sei Frau Y mit ihrem Wagen von hinten aufgefahren. Er verklagte sie auf Schadenersatz.

Fahrerin Y dagegen hielt X vor, er habe sie beim Spurwechsel so "geschnitten", dass der Unfall unvermeidlich gewesen sei. Das Kammergericht in Berlin entschied den Streit zu ihren Gunsten, obwohl bei Auffahrunfällen in der Regel der Auffahrende allein die Schuld trägt (12 U 144/09). Ausschlaggebend war ein Sachverständigengutachten: Die Beweisaufnahme ergab, dass Herr X höchstens fünf Sekunden vor dem Zusammenstoß vor Frau Y in deren Fahrspur gefahren war.

Angesichts dieser kurzen Zeitspanne könne man hier nicht - wie sonst üblich - aus dem Auffahrunfall darauf schließen, dass Frau Y nicht aufgepasst habe und/oder zu dicht aufgefahren sei, so die Richter. Herr X habe nur wenige Augenblicke vorher den Fahrstreifen gewechselt. Daher liege der Schluss nahe, dass Fahrer X dabei die erforderliche Sorgfalt außer Acht ließ und sich zu dicht vor Frau Y einordnete. Deshalb müsse er die Reparaturkosten für den Heckschaden allein übernehmen.