Betrunkener kletterte aus dem Zugfenster

Die Deutsche Bahn AG haftet nicht für die gravierenden Folgen

onlineurteile.de - Der betrunkene 18-jährige S fiel schon am Nürnberger Bahnhof auf, wo er gegen 21 Uhr in eine Regionalbahn stieg, um an seinen Wohnort H zu fahren. Er schwankte so, dass ihn andere Fahrgäste von der Bahnsteigkante zurückziehen mussten. Im Zug urinierte S in einen Abfallbehälter, worüber sich die Fahrgäste beim Zugbegleiter beschwerten. Dem gelang es nicht, den danach eingeschlafenen jungen Mann zu wecken. In H war S wieder wach und versuchte, auf der falschen Seite aus dem Waggon auszusteigen.

Davon konnte ihn der Zugbegleiter abbringen. S sagte aber nicht, dass er in H aussteigen musste. Vielmehr setzte er sich schweigend wieder auf einen Sitzplatz im Abteil. Kaum fuhr der Zug an, sprang S auf und kletterte durch ein Fenster aus dem Waggon. Noch im Bereich des Bahnhofs H stürzte er auf die Gleise und wurde schwer verletzt (ein Bein abgetrennt, Kopfverletzungen). Ob schon beim Sturz oder durch den sofort danach einrollenden Güterzug, blieb ungeklärt. Ein Fahrgast machte den Zugbegleiter auf das Unglück aufmerksam, der rief per Funktelefon die Polizei an.

Dass er vorher nicht mehr unternahm, warf ihm S später vor, und verklagte die Deutsche Bahn AG auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Der Zugbegleiter hätte ihn nicht aus den Augen lassen dürfen, hilflos wie er war, meinte S. An der Station hätte er ihn der Polizei übergeben sollen. Doch das Oberlandesgericht Nürnberg verneinte jede Aufsichtspflicht (14 U 852/10). Der Zugbegleiter habe nicht damit rechnen müssen, dass S aus dem Fenster des anfahrenden Zuges klettern würde.

Dafür habe es keine Anzeichen gegeben. S habe die Anweisungen des Zugbegleiters befolgt und sei zurück ins Abteil gegangen. Er habe alkoholbedingt eher erschöpft gewirkt ("hilflos" nach seinen eigenen Worten) und nicht wie jemand, der sich zu so einer Kletteraktion aufraffen würde. S sei zwar betrunken, aber nicht vollkommen unzurechnungsfähig gewesen. Sein Verschulden falle weit schwerer ins Gewicht als die Tatsache, dass der Zugbegleiter den Zug nicht anhielt — zumal dieser Umstand keinen Einfluss auf das Geschehen hatte.

Hätte der Zugbegleiter die Notbremse des Regionalzugs gezogen, wären die schweren Verletzungen von S laut Sachverständigengutachten nicht verhindert worden. Auch den Zugführer des Güterzuges treffe keine Schuld daran, dass S überrollt wurde. Er habe nicht rechtzeitig bremsen können. Das Verhalten von S schließe jeden Anspruch gegen die Deutsche Bahn AG aus.