Bruch an der Halswirbelsäule übersehen

Auch der zweite Facharzt muss sich ein eigenes Urteil bilden

onlineurteile.de - Ein Orthopäde machte bei seinem Patienten vier Röntgenbilder. Er diagnostizierte eine "Stauchung der Halswirbelsäule", verordnete Bestrahlungen und Massagen. Ein weiterer Arzt des gleichen Fachs verließ sich auf die Diagnose des Kollegen und behandelte den Patienten genauso. Dessen Beschwerden besserten sich aber nicht. Auch nach einer Behandlung von mehreren Wochen litt er weiter unter Hals- und Kopfschmerzen. Später stellte sich heraus, dass die Halswirbelsäule angeknackst war. Auf zwei Röntgenbildern konnte man den Bruch erkennen. Der leidgeprüfte Patient verlangte Schmerzensgeld.

Das Kammergericht in Berlin verurteilte beide Ärzte dazu, ihm (zusammen) 8.000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen (20 U 111/02). Erst die Bruchlinie auf den Röntgenbildern zu übersehen und danach ungeachtet der Beschwerden des Patienten nichts weiter zu unternehmen, sei ein schwerer Behandlungsfehler. So etwas dürfe einem Facharzt einfach nicht passieren. Eine Stauchung der Wirbelsäule sei nach vier bis höchstens sechs Wochen abgeklungen. Dies hätte für den zweiten Orthopäden Anlass genug sein müssen, Diagnose und Therapiewahl eigenverantwortlich zu überprüfen.

Sehr wahrscheinlich hätte er den Wirbelbruch dann erkannt und Hals und Kopf des Patienten ruhigstellen lassen. Wenn dies unterbleibe, bestehe die Gefahr einer Pseudoarthrose, wie sie im konkreten Fall auch eingetreten sei. Zu Gunsten des Patienten setzten die Richter voraus, dass das ärztliche Versäumnis die Ursache der Pseudoarthrose war. Wenn ein schwerer Behandlungsfehler den eingetretenen Gesundheitsschaden (zumindest potenziell) herbeiführen könne, sei eine solche Annahme gerechtfertigt.