Bühnenstück über einen realen Mord

Geht es um die Intimsphäre, muss der Autor das reale Vorbild "verfremden"

onlineurteile.de - Im Mai 2004 töteten zwei türkische Jugendliche nach einem Ausflug mit zwei 14-jährigen deutschen Mädchen eines der Mädchen mit Messerstichen und verletzten das andere schwer. Über den "Hagener Mädchenmord" wurde in den Medien ausführlich berichtet. Ein Autor nahm den Mord zum Anlass, für eine Jugendbühne ein Theaterstück über das Thema "Ehre" zu schreiben. Die Mutter der Ermordeten fand, die Darstellung missachte die Menschenwürde ihrer Tochter. Deshalb dürfe das Stück nicht mehr aufgeführt werden.

Das Landgericht Hagen ergriff ihre Partei und verbot weitere Vorstellungen (8 O 212/06). Zweifellos handle es sich hier um ein Kunstwerk, das - orientiert am authentischen Kriminalfall - das "Aufeinandertreffen von Personen aus verschiedenen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Ehrvorstellungen" problematisiere. Wenn Personen jedoch so leicht zu identifizieren seien, müsse man sie wirklichkeitsgetreu schildern. Oder der Autor müsse sie gleich so "verfremden", dass sie als Kunstfiguren mit dem realen Vorbild nicht mehr zu verwechseln seien.

Hier sei einerseits der Tag vor dem Mord detailgetreu wiedergegeben - jeder Theaterbesucher wisse, um welchen Fall es sich handle bzw. werde durch ein Infoblatt des Theaters eigens darauf hingewiesen. Andererseits werde die Persönlichkeit der Ermordeten ins Negative gezogen. Es werde gezeigt, wie sie bei einem Streit den Mörder provozierte. Die Jugendliche werde als charakterlich haltlose Ladendiebin und quasi Prostituierte hingestellt, die für Geschlechtsverkehr Geld angenommen habe. Die Konzentration auf das Problematische ihrer Persönlichkeit werde verstärkt durch hinzugefügte unwahre Tatsachen, die Persönlichkeit auf diese Weise entstellt.

Aus diesem Grund verletze das Bühnenstück das Persönlichkeitsrecht der Ermordeten, das die Mutter als nächste Angehörige der Tochter geltend machen könne. Auch nach ihrem Tod seien Personen davor geschützt, herabgewürdigt zu werden. Das Theaterstück überschreite die Grenze der freien künstlerischen Entfaltung auf Kosten des ermordeten Mädchens.