Der Beinahe-Unfall

Lokführer kämpft um Anerkennung seiner Depression als Folge eines Dienstunfalls

onlineurteile.de - Ein verbeamteter Lokführer der Deutschen Bahn AG hatte in seiner langjährigen Karriere bereits Erfahrungen mit zwei Selbstmördern auf dem Gleis machen müssen. Diese Unfälle und zwei Beinahe-Unfälle, die eine posttraumatische Belastungsstörung auslösten, wurden als Dienstunfall anerkannt. Nun ereilte den Lokführer ein weiteres Mal das Pech!

Auf einer Wiedereingliederungsfahrt im Februar 2010 rannte ein Streckenposten, der eine Baustelle absichern sollte, auf die Lok zu und verschwand dann aus dem Sichtfeld des Bahnbeamten. Da er glaubte, er habe schon wieder eine Person überfahren, erlitt Lokführer einen schweren Schock. Nun war nicht mehr daran zu denken, den Dienst anzutreten — schon beim geringsten Anlass reagierte er depressiv.

Der dienstunfähige Lokführer wurde in den Ruhestand versetzt. Von der Deutschen Bahn AG forderte er, sie müsse den Vorfall vom Februar 2010 als Dienstunfall anerkennen: Davon hingen weitere Leistungen der Dienstunfallfürsorge ab (Rehabilitation, Behandlungskosten für die Psychotherapie). Sein depressives Syndrom sei eine Folge des Beinahe-Unfalls, der sich immer wieder vor seinem geistigen Auge abspiele, so der Bahnbeamte.

Gestützt auf ein psychologisches Gutachten lehnte der Dienstherr den Antrag ab. Der Sachverständige habe "psychische Auffälligkeiten" festgestellt, verwurzelt in der Persönlichkeitsstruktur des Lokführers. Behandlungsbedürftige Unfallfolgen lägen dagegen nicht vor.

Gegen den negativen Bescheid klagte der Beamte und verlor den Prozess gegen die Deutsche Bahn AG beim Verwaltungsgericht (VG) Augsburg (Au 2 K 11.1939). Auch der Lokführer hatte ein psychologisches Gutachten vorgelegt: Es bescheinigte ihm, seine berufliche Karriere bei der Bahn sehr zielstrebig und erfolgreich geplant zu haben. Das spreche gegen eine Persönlichkeitsstörung. Doch das VG hielt am ersten Gutachten fest.

Die Ängste des Lokführers seien nicht auf den Beinahe-Unfall zurückzuführen, sondern auf eine depressive Veranlagung und eine "querulatorische Persönlichkeitsstruktur". Das sei nicht der Bahn AG zuzurechnen. Der Dienstherr müsse nur die spezifischen Gefahren der Beamtentätigkeit tragen, so das VG. Ein kausaler Zusammenhang zwischen den psychischen Problemen des Beamten und dem Beinahe-Unfall stehe jedenfalls nicht 100-prozentig fest, das gehe zu Lasten des Lokführers.