Die Suche nach dem festen Halt

Frau stürzt in der Straßenbahn: Nicht immer ist so ein Unfall dem Fahrgast vorzuwerfen

onlineurteile.de - Fordern Fahrgäste nach einem Sturz von den Betreibern öffentlicher Verkehrsmittel Schadenersatz, wird dies häufig mit dem Verweis abgeschmettert, dass sich Fahrgäste festhalten müssen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Wer z.B. beim vorgeschriebenen Entwerten der Fahrkarte hinfällt, den trifft kein (Mit-)Verschulden. Auch im konkreten Fall war eine 68-jährige Kundin mit ihrer Klage erfolgreich.

Mit zwei Begleiterinnen war Frau H ganz vorne — an der Tür neben dem Fahrer — in eine Straßenbahn eingestiegen. Vorne waren keine Sitzplätze frei, deshalb hangelte sie sich nach hinten durch. Dabei hielt sie sich fest, so gut es eben ging. Unmittelbar nach dem Einsteigen der drei Frauen startete der Straßenbahnfahrer äußerst flott und beschleunigte die Bahn auf über 20 km/h. Zum Pech von Frau H musste er jedoch nach 20 Metern verkehrsbedingt vor einer Kurve abrupt bremsen.

Mit allen Bremssystemen brachte er die Bahn innerhalb von vier Metern zum Stehen. Der starke Ruck brachte Frau H zu Fall, die sich dabei schwer am Knie verletzte. Für diesen Unfall sei nicht die Verletzte verantwortlich, entschied das Oberlandesgericht Naumburg: Die kommunalen Verkehrsbetriebe mussten sie mit 6.000 Euro Schmerzensgeld entschädigen (2 U 45/11).

Zum einen handle es sich hier nicht um ein "typisches Fahrmanöver", mit dem immer zu rechnen sei, sondern um eine Vollbremsung mitten in einer Beschleunigungsphase. Vor einer engen Kurve so zu beschleunigen, sei, gelinde gesagt, keine vorausschauende Fahrweise. Zum anderen sei es nicht leichtsinnig von Frau H gewesen, sich vom Eingang zu entfernen, statt für die Suche nach einem Sitzplatz auf den nächsten Halt der Straßenbahn zu warten.

Möglichst sofort einen Sitzplatz zu suchen, sei vernünftig — biete das doch den sichersten Halt während der Fahrt. Nicht überall in der Bahn finde man Halt. Frau H sei beim Überqueren des Kinderwagen-Stellplatzes gestürzt, wo es objektiv keine Gelegenheit gebe, sich festzuhalten. Zudem hätten alle Zeugen bestätigt, der Ruck sei so heftig gewesen, dass man sich selbst auf den Sitzplätzen habe festhalten müssen.