Englisch-Nachhilfe als Sozialleistung

Aufgeweckter Hauptschüler fordert Kostenübernahme, um den qualifizierten Abschluss zu schaffen

onlineurteile.de - Die begeisterten Lehrer erklärten den Fall für "einzigartig". Der jetzige Hauptschüler M hat bis zur neunten Klasse eine Förderschule besucht (früher: Sonderschule oder Schule für Lernbehinderte). Dort gab es keinen Englischunterricht. Durch außergewöhnlich gute Leistungen schaffte M als "Externer" den einfachen Abschluss einer Hauptschule. Das erlaubte ihm den Wechsel in die zehnte Klasse der Hauptschule mit dem Ziel, einen qualifizierten Hauptschulabschluss zu erlangen.

Nun wurde das Englisch-Defizit zur Hürde: Für den einfachen Abschluss müssen die Schüler keine Englischprüfung bestehen, für den qualifizierten Hauptschulabschluss aber schon. Ein Lehrer riet M, privat Nachhilfe zu nehmen, um sich in den wenigen Monaten bis zur Prüfung die nötigen Kenntnisse anzueignen. Der eifrige Schüler hielt sich daran. Der Nachhilfelehrer berechnete für zwei Mal Unterricht pro Woche (jeweils eineinhalb Stunden) 134 Euro monatlich.

Das konnte sich der Schüler, der Hartz-IV-Leistungen bezieht, nicht leisten. Er beantragte bei der Sozialbehörde die Kostenübernahme, was diese ablehnte. Lernförderung werde nur bezahlt, wenn die Versetzung in die nächsthöhere Klasse auf dem Spiel stehe. Außerdem habe M bereits einen Schulabschluss. M wehrte sich gegen diese Abfuhr und setzte sich beim Sozialgericht Wiesbaden durch (S 23 AS 899/11 ER).

Für den qualifizierten Abschluss sei die Lernförderung notwendig, stellte das Gericht fest. Hier gehe es nicht darum, einem ungeeigneten Schüler einen Abschluss zu ermöglichen, den er aus eigener Kraft nicht erreichen würde. Der fleißige und engagierte Schüler sei dazu sehr wohl in der Lage: Sein Defizit in Englisch beruhe weder auf intellektuellem Unvermögen, noch auf Nachlässigkeit (Fehlstunden etc.).

Vielmehr habe M in der Förderschule einfach kein Englisch lernen können. Und nun müsse er dieses Defizit in kürzester Zeit aufholen. In Ausnahmefällen wie diesen, wenn sich ein Schüler aus eigener Kraft für einen anderen Schulzweig qualifiziere, müsse der Hartz-IV-Träger die Kosten des Nachhilfeunterrichts tragen. Das sei nur eine kurzfristige Unterstützung, die M aber benötige, um das Lernziel "Quali" zu erreichen.