Heimlicher Umzug nach England

Kindesentführung durch die Mutter oder Ausübung des (Mit-)Sorgerechts?

onlineurteile.de - Die geschiedene Mutter dreier Kinder hatte ein zweites Mal geheiratet. Die Kinder lebten bei ihr. Der Vater sah sie am Wochenende alle 14 Tage und in der ersten Hälfte der Schulferien. Das Sorgerecht übten die Eltern gemeinsam aus, allerdings war der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht übertragen worden.

Im Herbst 2006 zog die Frau mit den Kindern (damals neun, acht und fünf Jahre alt) und ihrem zweiten Ehemann nach England, ohne ihrem Ex-Mann Bescheid zu sagen. Nicht einmal die neue Adresse erfuhr er. Erst als er Anzeige wegen Kindesentführung erstattete, gelang es ihm, seine Kinder ausfindig zu machen. Der Vater beantragte "Rückführung der Kinder" gemäß den Bestimmungen der HKÜ (= Haager Übereinkunft über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführungen).

Das Familiengericht bestätigte, dass die Mutter die Kinder widerrechtlich "außer Landes gebracht" hatte. Doch die Frau legte Einspruch ein und das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz stellte sich auf ihre Seite (9 UF 450/07). Da ihr das Aufenthaltsbestimmungsrecht übertragen wurde, dürfe die Mutter frei den Wohnort der Kinder festlegen, ohne sich vorher mit dem Vater zu einigen. Von Süddeutschland nach Norddeutschland hätte die Frau mit den Kindern ja auch gegen dessen Willen umziehen dürfen. Warum sollte das für einen Umzug nach Großbritannien nicht gelten?

Die Bedenken des Vaters, damit werde sein Umgangsrecht und sein Sorgerecht so gut wie ausgehebelt, wischte das OLG vom Tisch. Die Möglichkeit, diese Rechte weiterhin auszuüben, werde durch den neuen Wohnsitz "nicht wesentlich geschmälert". Natürlich würden Besuche etwas schwieriger, das rechtfertige es aber nicht, die Kinder zwangsweise wieder nach Deutschland zurückzubringen. Der Vater habe sich zwar zwei Monate lang nicht um die Kinder kümmern können, weil er die neue Adresse nicht sofort erfuhr. Das sei aber nicht "von entscheidender Bedeutung".

(P.S.: Andere Gerichte sehen in einem Umzug schulpflichtiger Kinder ohne Zustimmung des mitsorgeberechtigten Elternteils durchaus einen Verstoß gegen dessen Sorgerecht.)