Herzinfarkt-Patient falsch behandelt?

BGH zum "groben Behandlungsfehler" und der daraus folgenden "Beweislastumkehr"

onlineurteile.de - Herbst 2002: Ein 54-jähriger Mann fühlte beim Abendsport Schmerzen in der Brust, Atemnot, Schwindel und Erbrechen kamen dazu. Der Notarzt diagnostizierte einen Herzinfarkt und ließ ihn ins Krankenhaus bringen. Dort bestätigte ein EKG die Diagnose. Frau Dr. B gab dem Patienten Medikamente, führte aber keine Fibrinolyse durch (= medikamentöse Auflösung von Blutgerinnseln).

Das wurde erst am nächsten Tag auf Anordnung des Oberarztes nachgeholt. Durch die Verzögerung sei das Herzmuskelgewebe auf Dauer geschädigt worden, hielt der Patient später der Ärztin vor. Er verklagte Frau Dr. B und die Klinik auf Schmerzensgeld (2010 ist er gestorben, inzwischen ist seine Tochter die Klägerin). Die Vorinstanzen wiesen die Klage mit einer Begründung ab, die vom Bundesgerichtshof (BGH) korrigiert wurde (VI ZR 139/10).

In der Regel muss im Prozess der Patient beweisen, dass seine Gesundheit durch einen Fehler des Arztes bzw. des Krankenhauses geschädigt wurde. Diese "Beweislast" kehrt sich um, wenn dem Arzt ein grober Behandlungsfehler unterlaufen ist. Dann muss umgekehrt der Arzt beweisen, dass der Gesundheitsschaden des Patienten auch bei richtiger Behandlung eingetreten wäre — was bedeutet, dass nicht sein Fehler den Schaden verursacht hat.

Der medizinische Sachverständige erklärte, im konkreten Fall wäre es "zwingend notwendig" gewesen, sofort eine Fibrinolyse durchzuführen. Kein Indiz habe darauf hingedeutet, dass sich die verstopften Herzgefäße wieder öffneten. Auch eine zur Absicherung nötige Ultraschalluntersuchung hätte den andauernden Gefäßverschluss gezeigt.

Dennoch habe der Sachverständige das Vorgehen von Frau Dr. B für "verständlich" erklärt, so der BGH: Sie habe eben den Gefäßverschluss "falsch eingeschätzt". Daraus hätte das Oberlandesgericht nicht schließen dürfen, dass kein grober Behandlungsfehler vorliege. Aus objektiver ärztlicher Sicht habe nichts für das Verschieben der Fibrinolyse gesprochen, wie der Sachverständige selbst betonte.

Das sei aber entscheidend: Es komme nicht darauf an, wie weit dem Arzt sein Vorgehen subjektiv vorwerfbar sei. Hier gehe es nicht um eine Sanktion für schweres Arztverschulden, sondern darum: Wenn ein grober Fehler passiert sei, solle es dem Patienten nicht zugemutet werden, den ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner geschädigten Gesundheit und der ärztlichen Behandlung nachzuweisen.