HWS-Schleudertrauma nach Autounfall (1)

Ab welcher Geschwindigkeit ist eine Kollision "harmlos" - gibt es eine Grenze?

onlineurteile.de - Der Fahrer hatte das (von links kommende) Polizeiauto einfach übersehen, als er von seinem Parkplatz in die Straße einbog. Die Polizistin war zwar voll in die Bremsen gestiegen, krachte aber trotzdem gegen den einbiegenden Wagen. Zwei Tage danach ging die Frau wegen Nacken- und Kopfschmerzen zu ihrem Hausarzt - ohne Befund.

Trotz Tabletten hatte die Beamtin nach zwei Wochen immer noch Kopfschmerzen und konnte sich nicht richtig bewegen. Daraufhin diagnostizierte der Hausarzt ein Schleudertrauma. Er verordnete eine physiotherapeutische Behandlung und schrieb die Polizistin krank. Ihr Dienstherr forderte vom Autofahrer Schadenersatz für die Behandlungskosten.

Die Kfz-Versicherung des Unfallverursachers entgegnete, die Kollision sei so "harmlos" gewesen, dass die Beschwerden der Polizeibeamtin unmöglich eine Folge des Unfalls sein könnten. Der Autofahrer sei ja mit seinem Wagen fast gestanden und das Polizeiauto höchstens mit 20 km/h gefahren. Wenn sich die Geschwindigkeit durch einen Aufprall nur geringfügig ändere, könne er kein Schleudertrauma auslösen.

Der Bundesgerichtshof wies diese Ansicht jedoch zurück: Es gebe prinzipiell keine Grenzgeschwindigkeit, unterhalb derer eine Kollision als harmlos anzusehen wäre (VI ZR 274/07). Bei jedem Aufprall komme es auf die besonderen Umstände im Einzelfall an.

Dass die Polizistin ein Schleudertrauma erlitten habe, sei jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. Zum einen, weil die Beschwerden gleich nach dem Autounfall auftraten; das deute auf einen Zusammenhang hin. Zum anderen, weil die Frau vor der Kollision keinerlei Beschwerden hatte. Zu welchem Ergebnis ein Hausarzt bei der ersten Untersuchung komme, sei nur als eines unter mehreren Indizien zu berücksichtigen.