Magersüchtige lehnt künstliche Ernährung ab

Schmerzensgeld: Hirnschädigung durch "groben Behandlungsfehler"

onlineurteile.de - Eine junge Frau litt an Magersucht ("Anorexia nervosa"). 1992 wurde sie in die Intensivstation einer Münchner Klinik eingeliefert. Dort nahm sie weiter ab und wog bald nur noch 28 Kilo (bei einer Größe von 168 cm). Da wandten sich die Ärzte an das Vormundschaftsgericht und baten um die Erlaubnis, die Patientin künstlich ernähren zu dürfen. Dadurch verbesserte sich ihr Zustand, sie wurde auf eigenen Wunsch nach Hause entlassen. Bald darauf brachte man sie zurück, weil sie zu Hause wieder abgenommen hatte.

Dieses Mal unterlief die Magersüchtige jede ärztliche Behandlung: Sie stöpselte alle Infusionen ab und verweigerte eine künstliche Ernährung. Nach acht Tagen in der Klinik fand eine Krankenschwester die Patientin bewusstlos auf. Ihr Hirn war durch Sauerstoffmangel schwer geschädigt, seither liegt die Frau im Koma. Ihr gesetzlicher Vertreter verklagte die Stadt München als Trägerin der Klinik auf Schmerzensgeld.

Die Kommune müsse für den groben Behandlungsfehler des bei ihr angestellten Arztes einstehen, entschied das Landgericht München I (9 O 5933/94). Da sich der Gesundheitszustand der Patientin ständig verschlechterte, hätte man regelmäßig Blutzucker, Puls und Blutdruck messen müssen. Trotz der ablehnenden Haltung der Patientin wäre es zudem nötig gewesen, erneut beim Vormundschaftsgericht die Erlaubnis zur künstlichen Ernährung zu beantragen. Angesichts des Risikos bei totaler Auszehrung habe sich der behandelnde Facharzt für Innere Medizin nicht allein auf Elektrolytbefunde verlassen dürfen. Dies entspreche nicht dem derzeitigen Standard der Inneren Medizin. Ein Schmerzensgeld von 200.000 Euro sei wegen der schwerwiegenden Folgen angemessen. (Die Stadt München hat Berufung eingelegt.)