Misslungene Anästhesie

19-Jährige wird zum Pflegefall: Krankenkasse verklagt Klinikträger

onlineurteile.de - 2000 hatte sich eine 19-Jährige im Krankenhaus die Mandeln entfernen lassen. Eine Woche später traten Nachblutungen auf. Der Oberarzt setzte sofort eine weitere Operation an, um sie zu stillen. Die Narkose war wegen der Blutung sehr schwierig. Um die künstliche Beatmung sicherzustellen, wollte die Narkoseärztin eine Hohlsonde in die Luftröhre einführen (Intubation), die jedoch in die Speiseröhre der Patientin geriet.

Unterversorgung mit Sauerstoff war die Folge. Ein zweiter Intubationsversuch schlug ebenso fehl. Es gelang der Narkoseärztin auch nicht, Blutpfropfen aus Luftröhre und Lunge abzusaugen. Zu spät versuchte dies der Oberarzt mit einem Endoskop (Bronchoskopie). Nach der Operation war das Hirn der Patientin so schwer geschädigt, dass sie dauerhaft zum Pflegefall wurde.

Die gesetzliche Krankenkasse verklagte den Klinikträger auf Schadenersatz für Behandlungs- und Pflegekosten, zuerst erfolglos. Dass die Hohlsonde verspätet gegen eine größere ausgetauscht und die Bronchoskopie zu spät stattfand, wertete das Oberlandesgericht nur als einfachen Behandlungsfehler. Dass er den Hirnschaden auslöste, stehe nicht fest.

(Hintergrund: In der Regel muss der Patient beweisen, dass ein ärztlicher Fehler einen gesundheitlichen Schaden verursacht hat. Liegt dagegen ein grober Behandlungsfehler vor, dreht sich zu Gunsten des Patienten die Beweislast um und der Arzt muss widerlegen, dass sein Fehler die Ursache für den gesundheitlichen Schaden war.)

Das OLG begründete diese Einschätzung damit, dass es für eine schwierige Narkose keine klaren Handlungsanweisungen gebe. Damit war der Bundesgerichtshof nicht einverstanden: Er hob das Urteil auf und verwies die Sache mit einer Begründung an die Vorinstanz zurück, die die Erfolgsaussichten für die Klage der Krankenkasse verbessert hat (VI ZR 55/09).

Gesicherte medizinische Erkenntnisse, deren Missachtung einen Behandlungsfehler als grob erscheinen lasse, seien nicht nur solche, die in Richtlinien oder ausdrücklichen Handlungsanweisungen stünden. Dazu zählten auch elementare medizinische Grundregeln, die im jeweiligen Fachgebiet vorausgesetzt werden.

Und der oberste Grundsatz für Anästhesisten sei, bei jeder Handlung die Sauerstoffversorgung des Patienten zu beachten und sicherzustellen. Der Sachverständige habe es für objektiv unverständlich erklärt, dass der Wechsel auf eine größere Sonde und die Bronchoskopie so spät durchgeführt wurden. Wenn Blutpropfen die Atemwege lebensbedrohlich verstopften, müssten diese schnellstmöglich entfernt werden.

Dass dies unterblieben sei, spreche für einen groben Behandlungsfehler. Dann müsste im weiteren Verfahren der Klinikträger nachweisen, dass der Hirnschaden der Patientin nicht auf diese Versäumnisse zurückzuführen sei.