Mutter haftet für Befehlston

Läuft ein Kind sofort los und verursacht so einen Radunfall, haftet die Mutter für den Schaden

onlineurteile.de - Die sechs Jahre alte Julia hüpfte mit ihrer Freundin über eine kleine Wiese neben einer Straßenkreuzung. Zwischen der Wiese und der Ampelanlage verlief ein kombinierter Geh- und Radweg. Die Mädchen wurden von ihren Müttern begleitet, die sich unterhielten. Deshalb bemerkte Julias Mutter nicht sofort, dass das Kind über den Radweg zur Fußgängerampel voraus lief.

An dieser Ampel wollten alle zusammen die Straße überqueren. Julia wollte schon mal auf den Knopf an der Ampel drücken — dass man so das grüne Licht einschalten konnte, hatte sie im Verkehrsunterricht gelernt. In diesem Moment sah die Mutter das Kind an der Ampel und rief, es solle sofort umkehren. Das Mädchen lief zurück und stieß auf dem Radweg gegen ein Fahrrad.

Die Radfahrerin stürzte und brach sich ein Bein. Sie musste operiert werden und war monatelang arbeitsunfähig. Von Julias Mutter forderte die Verletzte 5.000 Euro Schmerzensgeld. Begründung: Sie habe den Unfall ausgelöst, indem sie das Mädchen "in rauem Ton" zurückpfiff. Dabei habe an der Ampel keinerlei Gefahr für das Kind bestanden. Das Oberlandesgericht Naumburg gab der Radfahrerin Recht (1 U 114/12).

Das Mädchen sei zu klein, um von Verschulden zu sprechen. Doch die Mutter habe den Unfall heraufbeschworen, indem sie Julia im Befehlston zurückrief, so dass das Mädchen sofort losgelaufen sei. Angeblich habe Julias Mutter die Radfahrerin nicht gesehen, als sie nach dem Kind rief. Dabei habe sie freie Sicht auf den Radweg und auf die Ampelanlage gehabt.

In jedem Fall hätte sie sich davon überzeugen müssen, dass Julia den Radweg überqueren konnte, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Schließlich gab es in dieser Situation keinen Anlass für eine hektische "Notmaßnahme": Das Mädchen sei nicht in Gefahr gewesen und habe gewusst, was an der Ampel zu tun war.

Die Radfahrerin treffe kein (Mit-)Verschulden an dem Unfall. Sie habe nicht langsamer fahren oder gar absteigen müssen. Als sie sich näherte, habe das Kind den Radweg bereits überquert gehabt, es stand vor der Ampel. Die Radfahrerin habe nicht damit rechnen müssen, dass sich das Mädchen auf Zuruf plötzlich verkehrswidrig verhalten und zurück laufen würde, ohne auf Radfahrer zu achten.