Privattelefonate im Operationssaal

Das rechtfertigt keine fristlose Kündigung des Chefarztes ohne vorherige Abmahnung

onlineurteile.de - Seit 2005 arbeitete der Chirurg in der X-Klinik als Chefarzt. Wenn er operierte, nahm er regelmäßig den schnurlosen Handapparat seines Diensttelefons und sein privates Mobiltelefon mit in den Operationssaal. Über beide Anschlüsse kamen während der Operationen dienstliche Gespräche an — die Nummer des Handys stand auf der internen Telefonliste des Krankenhauses. Allerdings stellte die Sekretärin auch Anrufe der Ehefrau durch.

Im Herbst 2008 kündigte der Klinikträger dem Chirurgen fristlos: Mitglieder des Operationsteams hätten häufig für ihn während laufender Operationen Privatgespräche annehmen müssen, so der Vorwurf. Manchmal habe er dann den Saal für mehrere Minuten verlassen.

Der Mediziner erhob Kündigungsschutzklage. Er behauptete, private Mobiltelefone im Operationssaal zu nutzen, sei "allgemein üblich gewesen". Diese Praxis habe keinen Eingriff verzögert und keinem Patienten geschadet. Die Kündigung sei daher unwirksam. Das Bundesarbeitsgericht gab dem Chirurgen Recht, obwohl es sein Verhalten als vertragswidrig einstufte (2 AZR 495/11).

Als Chirurg sei er verpflichtet, während eines Eingriffs alle unnötigen Störungen zu vermeiden, die die Konzentration aller Mitglieder des Teams beeinträchtigten. Nebenbei Gespräche privaten Charakters zu führen, sei mit seiner Verantwortung unvereinbar. Eine fristlose Kündigung komme hier dennoch nicht in Betracht. Denn der Arbeitgeber müsse den Arbeitnehmer zunächst abmahnen — und diese mildere Reaktion hätte auch genügt, um die Störungen abzustellen.

Das Arbeitsverhältnis fortzusetzen, sei für den Klinikträger durchaus zumutbar, da er Telefonate im Operationssaal keineswegs kategorisch untersagt habe. Damit habe der Arbeitgeber — zumindest in Bezug auf Dienstgespräche — sowieso schon Störungen bei Operationen in Kauf genommen: Einige Privatgespräche hätten da das Risiko für die Patienten nicht mehr wesentlich erhöht.

Die Pflichtverletzung des Arztes wiege daher nicht so schwer, dass es für die X-Klinik unmöglich wäre, weiterhin mit ihm zusammen zu arbeiten. Ihn abzumahnen und ihm für den Fall weiterer Privattelefonate das Ende des Arbeitsvertrags anzudrohen, hätte wohl ausgereicht, um sein Verhalten positiv zu beeinflussen. Anhaltspunkte für das Gegenteil gebe es nicht.