Schlechte Noten für die Rechtschreibreform

Solange sich die neuen Schreibweisen nicht allgemein durchgesetzt haben, dürfen die alten nicht als Fehler behandelt werden

onlineurteile.de - Eine Gymnasiastin aus Oldenburg forderte von der Justiz eine einstweilige Anordnung: Auch nach dem Stichtag 1. August 2005, ab dem die Rechtschreibreform in den Schulen verbindlich werden sollte, dürften herkömmliche Schreibweisen nicht als Fehler behandelt werden. Sie wolle nicht als Falschschreiberin "diskreditiert" werden.

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg wies zwar den Antrag der Schülerin ab, gab ihr jedoch sachlich Recht (13 MC 214/05). Schule dürfe die künstlich veränderte Rechtschreibung nicht als allein verbindlich und richtig vermitteln, solange sie sich im allgemeinen Schreibgebrauch nicht durchgesetzt habe. Die Akzeptanz der Rechtschreibreform sei derzeit zweifelhafter denn je: Eine Mehrheit der Bevölkerung lehne sie noch immer ab, in Presse und Literatur würden weiterhin oder zunehmend wieder die alten Regeln angewandt.

Die Reform sei mittlerweile selbst einige Male reformiert worden und ein Ende sei nicht abzusehen. Die Kultusministerkonferenz habe jetzt wieder einen "Rat für deutsche Rechtschreibung" eingerichtet, der das Reformwerk erneut überprüfen solle. Was derzeitiger Stand der Reform sei, wisse wahrscheinlich niemand. Wie sollten Lehrer und Schüler in der Lage sein, richtig von falsch zu unterscheiden, wenn selbst Wörterbücher Unterschiede enthielten - wegen "unterschiedlicher Auslegungen des amtlichen Regelwerks"?

So berechtigt das Anliegen der Schülerin sei: durch einstweilige Anordnung könne sie es nicht durchsetzen. Denn eine einstweilige Anordnung setze voraus, dass dem Antragsteller ohne sie "erhebliche Nachteile" drohten. Doch das sei nicht der Fall: Die Schülerin brauche sich nicht zu scheuen, richtig zu schreiben. Eine besondere Rechtschreibnote habe sie in der 11. Klasse nicht mehr zu fürchten. Bei schriftlichen Abiturarbeiten drohe für (angebliches) "Falsch-Schreiben" nur ein sehr geringer Punkteabzug.