Tischgebet im Kindergarten

Verwaltungsgericht Gießen: "Niemand muss beten"

onlineurteile.de - In einem kommunalen Kindergarten war es üblich, vor den gemeinsamen Mahlzeiten ein Tischgebet zu sprechen. Die Kindergartenleiterin legte Wert darauf, die Kinder mit dem christlichen Glauben bekannt zu machen. Man wolle Religion anbieten, so ihr Erziehungskonzept, ohne den Kindern die eigene Überzeugung aufzudrängen. Kirchliche Feste wurden gefeiert, biblische Geschichten erzählt und Gebete gelernt.

Ein Vater beanstandete bei der Kindergartenleitung das "viele Beten". Ihm wurde mitgeteilt, darauf werde nicht verzichtet. Sein Kind müsse aber nicht mitbeten und könne während des Gebets den Raum verlassen. Auch ein atheistisch erzogenes Kind müsse die Religion kennen, um sich irgendwann dafür oder dagegen entscheiden zu können.

Das Verwaltungsgericht Gießen billigte das pädagogische Konzept des Kindergartens (4 G 4715/02). Die Eltern könnten nicht verlangen, dass es für sie geändert werde: Sie hätten das Konzept gekannt, als sie ihr Kind anmeldeten. Durch Tischgebete würden auch keine Grundrechte (Glaubensfreiheit des Kindes, Recht der Eltern zur religiösen Erziehung der Kinder) verletzt, weil der Besuch eines Kindergartens anders als der Schulbesuch freiwillig sei.

Außerdem müsse das Kind nicht am Gebet teilnehmen. Dass es dadurch in eine "Außenseiterposition" gerate, sei nicht zu befürchten. Das Tischgebet dauere nur 15 Sekunden, ein Mal am Tag. Auch könne sich in dieser Zeit eine Erzieherin um das Kind kümmern und erst nach dem Tischgebet mit ihm in den Gruppenraum zum Mittagessen kommen.