Unfallschaden und Restwertangebot

Der Geschädigte muss so ein Angebot nicht abwarten, bevor er das Unfallauto verkauft

onlineurteile.de - Bei einem Verkehrsunfall hatte das Auto des schuldlosen Fahrers W Totalschaden erlitten. Der Kfz-Sachverständige schätzte den Wiederbeschaffungswert des Fahrzeugs auf 22.000 Euro, dessen Restwert — auf der Basis nicht näher bezeichneter Gebote des regionalen Automarktes — auf 5.500 Euro. Kurz nach dem Unfall bekam W's Anwalt ein Schreiben der gegnerischen Haftpflichtversicherung: "Sofern Ihr Mandant beabsichtigt, das beschädigte Fahrzeug zu verkaufen, bitten wir Sie, Kontakt mit uns aufzunehmen. In vielen Fällen können wir ein höheres Restwertangebot übermitteln."

W schickte der Versicherung das Sachverständigengutachten und schlug das Unfallauto für 5.500 Euro los. Einige Tage später erhielt er von der Versicherung das Angebot eines Restwertaufkäufers über 8.790 Euro; das Unfallauto werde außerdem kostenlos abgeholt. Bei seiner Schadensabrechnung legte der Versicherer einen Restwert von 8.790 Euro zugrunde und überwies W einen um 3.290 Euro gekürzten Betrag. W klagte die Differenzsumme ein.

Vor Gericht argumentierte der Versicherer, das Schadensgutachten sei unzulänglich. Denn der Sachverständige habe nicht angegeben, wie viele und welche Angebote er eingeholt habe, um den Restwert zu ermitteln. Also entspreche das Gutachten nicht den Vorgaben des Bundesgerichtshofs (= danach müssen mindestens drei Angebote aus dem allgemeinen regionalen Markt vorliegen). Das Gutachten sei aber sachlich richtig, stellte das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz fest: 5.500 Euro sei der am regionalen Markt für Unfallwagen erzielbare Preis (12 U 1059/10).

Deshalb blieb der Mangel des Gutachtens für W ohne negative Folgen. Das OLG befragte den Kfz-Sachverständigen und er konnte belegen, dass er den Restwert aus zwei lokalen, zwei regionalen und 13 überregionalen Angeboten ermittelt hatte. Also habe W den Unfallwagen zum geschätzten Restwert verkaufen dürfen, so das OLG, der Differenzbetrag stehe ihm zu. Unfallgeschädigte müssten nicht auf ein Restwertangebot des Versicherers eingehen, um (eventuell!) auf dem Sondermarkt spezialisierter Restwertaufkäufer einen höheren Preis zu erzielen.

Dazu seien sie nur im Ausnahmefall verpflichtet. Prinzipiell stehe es den Unfallgeschädigten frei, wie sie mit dem Schaden umgehen. Hier habe der Versicherer nicht einmal ein konkretes Angebot unterbreitet. Ob überhaupt und wann der Versicherer ein Angebot "übermitteln" wollte, sei dessen Schreiben nicht zu entnehmen. Schon weil W Standgebühren für den Unfallwagen zu zahlen hatte, sei es für ihn nicht zumutbar gewesen, auf ein Restwertangebot zu warten, anstatt das Unfallauto so schnell wie möglich in eigener Regie zu verwerten.